So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden sollte. Eleonore wollte eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen, wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden Hochzeitsfeier gewissermaßen die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei dieser Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither in allem so gut als möglich entgegengekommen und hatten darum friedlich gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, daß ich selber in vielen Dingen meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen aufzählten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste überlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß es Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß hier zwei wichtige Namen ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu reden versucht; sie wußte aber immer das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ mich auch dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzung geben müsse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn ich nicht blind und taub gewesen wäre, so wäre es mir wohl ein sicheres Zeichen gewesen, daß sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den Hochmut überwunden, der in ihr groß und mächtig war.
Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken getan sei und sagte gleichmütig: „Ach, ich dachte, du würdest sie nicht einladen wollen, was sollen sie denn dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.“ Dabei sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein Stäubchen von meinem Rock, weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung zu sagen, was mir ganz selbstverständlich und mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: „Wie kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen kommen, es geht gar nicht anders.“ Vielleicht polterte ich das, weil es mit einem Anlauf geschah, ein wenig gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore gegenüber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errötend an und sagte kühl verwundert: „Was ist das für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß ich sie nicht bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu der übrigen Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen etwas dankst, so ist das deine Sache.“
Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich überkam ein Trotz und ein Elend zugleich; ich fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt in meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich entgegenwallte; ich hätte meine Braut am liebsten in ihr weißes Gesicht geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wußte, daß ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben würde, obgleich ich dachte: „Du Affe, du bist sie ja gar nicht wert.“ Da änderte sie auf einmal den Ton und das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte sich an mich. „Sei doch lieb,“ sagte sie, „verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt Rücksicht darauf nehmen. Wir können sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile besser, du siehst es später selber ein.“
Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatsächlich besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu allem gewinnen, was sein mußte und recht war.
Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in einem Blumenladen in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Gärtner geheiratet und also ihren Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut mehr dazu hatte, kam ich von ungefähr dazu.
Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte eine anständige Würde in ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl freundschaftlich begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, und sie schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, denn sie sah mich mit herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß nichts von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend an die Dame. Es wurde ausgemacht, daß bei unserer Trauung die Kirche geschmückt werden solle, und es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir übel zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, wählte und verwarf, an einen Tag, da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut den Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen Blick nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich einen von Hertha auf, der schien mir spöttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an mir vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Gärtnersfrau selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen blühenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine hohe sein sollte.
Es war meine niedrigste.
Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber mit einem Bübchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken, kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein paar Gärtnerburschen anwies; sie waren beide große, stattliche Leute und sahen fest und freudig aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. Es brannte in mir, daß ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das war drüben am andern Ufer. Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es gehe, obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen und freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß ich nicht glücklich sei, und es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und sagte, daß er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er gedacht habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und sagte: „Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wünsche ich Glück.“ Er hatte für mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, früher hatte ich das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollte ich sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war über allem draußen und hatte es gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen in ihrer schönen und klaren Freudigkeit. Herr Kasimir saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben dem Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, und daß sie irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir ein, daß der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister wußte, und ich dachte, daß gewiß alle Menschen irgendwie miteinander zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam. Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr Kasimir, daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er hätte es weiter bringen können, da er von guten Gaben und guter Bildung sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt habe, während deren ihm dann die Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschätzt. Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe sündige, lebendiger sei, als wer aus kalter Tugend gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, die wissend geworden seien durch heißes Verschulden. Wissend und verstehend.