Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu dem Zeitler gehen wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; denn ich sündigte weder aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen und durfte niemand fragen.

*

Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, später wieder gelesen, als ich ihn in ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin, so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es war kein freies und trotziges Sündigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er tut, im Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet ohne Reue, sondern ich litt, während ich tat, was ich verurteilte, und tat es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und den Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet hätte, nicht bezahlen konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach, mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm und zerschlagen, in die Hand gab.

Es war über allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: „Heute kehrt Maidi in die Stadt zurück.“ Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, in dem es mir aber seltsam wohl gewesen war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.

Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saßen dichtgedrängt auf den Telephondrähten. In wenigen Tagen würde auch ich mit Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und mußten uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag dann noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, ich wußte es. Würde es mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschähe? Es war so lieb und so leidvoll zugleich. Draußen war eine warme, föhnige Luft; die Höhen und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz und Klarheit; ich fühlte mich sonderbar laß und müde und hätte am liebsten meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben, denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie es nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehört hatte, daß ich verlobt sei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wußte, dann wußte sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es führte keine Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde ich gewahr, daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwürdig grellen Licht; ihre Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und um diese Jahreszeit ungewöhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus gegrüßt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht habe? Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als warte sie draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und war unerbittlich und furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das Tagträumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr Kasimir wollte mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und nagelfest machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bündel schnüren und ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschäft und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit aller Kraft und allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn es doch etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte mich, an Eleonore zu denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen zurückhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und sah blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah, kleine bräutliche Zärtlichkeiten für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe und das im Kampf mit ihrer kargen Natur sich verwunde und abmühe, um leben zu können. Es schien mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben hatte. Gestern abend war sie so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie hatte mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte Lippen gegeben und gesagt: „Ich wollte, wir wären schon weit fort, und es wäre alles vorüber.“ Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glänzende Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun können, alles bis ins kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht gereuen. Es gab wohl viele Männer, die eine Jugendliebe in sich begruben, wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich, der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und Übermalen meines Innern geworden war, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß ich als ein Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verließ mit straffen Schritten. Sie waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und Herr Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in guten Händen, und daß es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht erschauernd, sagte.

Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal, Eleonores Geigenspiel gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. Sie hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen war, so hatte sie mich auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich riefe mit feurigen und verheißenden Tönen und mit hinströmender Klage über ihre eigene eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, bis ich von den Geschäften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig, ihr zu zeigen, daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und verwahrt und schien sich zu wundern, daß ich mitten im Vormittag heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich sie gehört habe, zog Eleonore die Brauen leicht zusammen, wie unwillig. „Ich habe etwas geübt,“ sagte sie, „was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen versprochen habe.“ Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus über den sonnigen Rebbergen der Stadt in Waldeshöhe stand. Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu spielen, freute mich, daß sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spät genug zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das mich so angezogen hatte. Denn ich konnte des Geschäfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend zugleich, ich wolle aber alle Rätsel in ihr auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange, wie ich sicher zu wissen glaubte.

Der Nachmittag war noch schwüler, als es der Morgen gewesen war. Die Luft lag still und stickig über der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen, machte ich früher Schluß, als ich eigentlich im Sinn gehabt hatte, und ging den Rebbergen zu. Ich hatte ein lähmendes Kopfweh, das ich auf die Föhnluft schob und das mich veranlaßte, einen kleinen Umweg im Freien und in der Einsamkeit zu machen, um nachher vor den Leuten besser bestehen zu können. Daher ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen Staffeln in die Höhe, sondern blieb auf der Straße bis da, wo der Wald in einer schmalen Zunge zu ihr herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch goldbraunes, raschelndes Buchenlaub, das hier und da den Boden bedeckte, anfing hinaufzusteigen. Das Rauschen unter meinen Füßen weckte irgend eine Erinnerung in mir, der ich nachspürte, bis es mir einfiel, wie ich als kleiner Bube im heimischen Stadtwald an der Hand meiner Mutter gegangen war und glückselig mit den Stiefeln das Laub vor mir her aufgehäuft hatte, was genug war, mich mit Lust und Wonne zu erfüllen. Es schien mir aber um hundert Jahre zurück zu liegen, oder vielmehr in einem vorigen Dasein geschehen zu sein, und ich konnte auch nicht lange bei der lieben Erinnerung bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windstoß von der Höhe herunter mir entgegen, der die schlaffe Schwüle zerriß und sich als Vorbote eines Unwetters ankündigte. Ich beschleunigte daher meine Schritte, um nicht draußen zu sein, falls es schnell hereinbreche. Es wurde zusehends dunkler unter den Bäumen, was noch nicht vom Einnachten kommen konnte, sondern von heraufziehendem Gewölk, das der Wind vor sich herjagte. Ich war auf der Höhe angelangt, wo der Garten des bekannten Hauses sich in den Wald verlor, von demselben nur durch ein dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter getrennt, und wollte gerade auf die schmale Tür zugehen, als ich hinter der grünen Wand, aber dicht an derselben, sprechen hörte. Und zwar war es die Stimme meiner Braut, die, als ich ganz nahe war, in hörbarer Erregung sagte: „Du hättest nicht mehr kommen sollen. Wir hätten uns nicht sehen dürfen. Es ist genug, daß ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes Sein hindurch lüge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, solang ich denken kann. Ich will es nicht noch durch die Tat tun. Es muß das letztemal sein.“

Ich fühlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, als ich diese Worte hörte. Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen und mußte nun weiter mitanhören, was mich und den Bau, den ich mir errichtet hatte, in Scherben schlug.

Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort droben gestanden, im heftig wehenden Wind, der die Kronen der Bäume herumriß und mir die gesprochenen Worte zutrug wie auf Flügeln, und unter den jagenden Wolken, die stets tiefer zu hängen kamen. Doch wird es wohl nicht lange gedauert haben, nach menschlicher Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein können, daß sie von Leben oder Tod überfließen. Ich will es mir sagen, wenn ich meines Gerichtstags gedenke, daß es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Güte, was dort unter den Bäumen auf mich wartete. Wo nähme ich sonst den Mut her, es noch einmal heraufzuholen? Da es ja lange her ist seitdem und ich es könnte ruhen lassen.

Obgleich mir, auf immer unvergeßlich, jedes Wort und jeder Ton und jeder Zug der Gesichter, die ich durch etliche Lücken in der grünen Wand wohl sehen konnte, ins Gedächtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, alles Schmerzliche und Beschämende noch einmal zu sagen und es einfach aufzeichnen in meiner eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, daß der Zufall, der mich wunderbarerweise zu dieser Stunde an diesen Ort führte, mein Leben aus den falschen Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es hätte auch anders gehen können, und ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre.