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Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwörenden und selbstanklagenden Worte gerichtet hatte, war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der Mediziner, den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war aber zurückgekommen und hatte Eleonore auch schon ein paarmal getroffen mit ihrem Willen und auch gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren wolle, wenn es sein müsse, sie aber nicht an mich verloren geben könne, der ich in keiner Weise an sie hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den Kauf genommen habe mit Haus, Geschäft, Geld und so weiter. Er nannte sie du, und sie waren ein Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne daß die Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie in einem merkwürdigen Grad von gegenseitiger Offenheit miteinander ausgemacht, daß sie sich lassen müßten, weil sie das nötige Geld nicht hätten, um einen Haushalt zu führen, der ihren Bedürfnissen entspreche, da sie beide verwöhnte Kinder mit anspruchsvollen Gewohnheiten waren und diesen nicht glaubten entsagen zu können, ohne daß die Liebe darunter litte und sie dann einander quälten. Einst, als sie einander näher traten, hatte jedes vom andern geglaubt, daß es wohlhabend oder vielmehr reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es von Eleonore geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine und geschmackvolle Weise üppig zuging, wie es nur bei Leuten sein kann, bei denen das Geld keine Rolle spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu gehören scheint, daß man sich nicht darum kümmere und es möglichst wenig nenne. Als aber die Eltern gestorben waren, hatte sich's gefunden, daß wohl eine Menge kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte darstellten, aber kein Geld mehr, und daß die Kinder arm seien wie Kirchenmäuse. Der Bruder hatte sogleich seine berufliche Laufbahn antreten können, da er mit den Studien fertig war und der Onkel ihm unter die Arme griff mit einigen Zuschüssen. Eleonore aber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat und ihre Wünsche bekannte (denn das Hagenausche Geld war trotz der lässigen Vornehmheit in der Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich nur als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich bitterlich enttäuscht gesehen, wenn sie auf reichliche Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen noblen Haushalt zu eröffnen. Denn ein anderer kam nicht in Betracht bei dem beiderseits so hochentwickelten Schönheitssinn.

Der Onkel hatte ihr eröffnet, daß er keineswegs ein bloßer Geldsack sei, den man nach Belieben auf- und zuschnüren könne, sondern daß er auch seine Liebe und seinen Stolz habe, nämlich das alte Haus und Geschäft, dem er freilich leider keinen Erben seines Namens hinterlassen könne, da er das Heiraten versäumt habe, das er aber doch, solang er es wenigstens verhindern könne, nicht wolle in fremde Hände kommen lassen, und das er darum nicht zu verkaufen gesonnen sei. Da aber das beträchtliche Vermögen fast ganz darin stecke, so wolle man es vorläufig auch beisammen lassen, denn so halte es sich am besten und so weiter.

Und kurz, er habe andere Pläne mit der Nichte.

Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden Unwetter freilich nicht so genau, wie ich es hier tue, denn sie wußten alles gut genug voneinander, um nur das eine und andere Wort darüber verlieren zu müssen, das mich aber genugsam über ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von der Gesellschaft entfernt, die soeben vor dem Wetter ins Haus geflüchtet war, um das Alte zu wiederholen, sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander auszusprechen und sich bewußt zu werden, wie sie es ins Künftige halten wollten. Denn sie waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders jetzt beim Wiedersehen inne geworden, daß sie fester aneinander hingen, als sie gewußt hatten. Das drängte den Liebhaber, Eleonore zu beschwören, sie möge jetzt noch von mir ablassen, da sie sonst verderben müsse. Er sprach mit großer Geringschätzung von mir, als von einem ganz gewöhnlichen Streber, Glücksjäger und Emporkömmling und reizte sie, sich vorzustellen, wie es sei, wenn sie mich als ihren Herrn und Gemahl ansehen müsse, wobei er sie, offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin und hohe Frau nannte, aber mit spöttischer Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, daß er sie glühend liebte und nur darum so gering von mir sprach, um sie noch in letzter Stunde von mir abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit für ihn arbeiten und einen Glücksfall herbeiführen, da das Glück in der Hütte nicht in Betracht kam. Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger Betrachtung so an; damals sauste mir das Blut in den Augen und Ohren bei meinem Lauschen, das ich doch nicht abkürzen konnte, denn jetzt mußte ja der Augenblick kommen, wo Eleonore für mich eintrat. Ich konnte immer noch nicht davon ablassen, zu glauben, sie liebe jetzt mich und mich allein, und das geschah nicht nur aus Selbstgefühl und aus Not, sondern auch aus dem hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich nie dazu bequemt hätte, einen Mann zu nehmen, den sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt hatte.

Sie richtete sich auch zornig erglühend auf, als der Doktor mich geringschätzig vor ihr herabsetzte; aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre Liebe, die er getroffen hatte.

„O still,“ sagte sie, „so darfst du nicht reden. Mein Herr wird er niemals, das weißt du wohl, und er weiß es auch. Er läßt mich in allem gewähren, was ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, wenn es nun Liebe nicht sein kann. Das heißt gegenseitige, denn er liebt mich aus allen Kräften.“

Der Mediziner pfiff durch die Zähne und sagte spöttisch: „Wir wollen einander nichts weis machen, denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn er dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, der sich von deinem Onkel dazu anwerben ließ.“

Das mochte dem stolzen Mädchen ein allzu scharfer Hieb sein, denn es griff mit der Hand heftig in die grüne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war mir in diesem Augenblick ganz nahe, räumlich geredet, da sich ja der innerliche Abgrund zwischen uns von Minute zu Minute erweiterte.