„So will ich dir denn sagen, wie alles war und ist,“ sagte sie mit herbem Entschluß, „denn es muß sowieso das letztemal sein, daß wir von diesen Dingen reden, da ich nicht zurück kann noch will.“ Sie sah jetzt blaß aus und atmete tief mit geschlossenen Lippen und ihre feinen Nasenflügel bebten. Dann, als sie sich etwas gefaßt hatte, fing sie an, von mir und sich zu reden. Das höre ich heute noch wie Drommeten des Gerichts.

Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen sei, geglaubt, mit ihm und ihrer Liebe fertig werden zu können, da das andere, das Bedürfnis nach Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren stärker als alles in ihr gewesen sei. Das aber habe sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, dankbar dafür, daß sie wenigstens seinen Wünschen nicht zuwider handle, habe ihr in allem freie Hand gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhängnis erschienen, wie sie mich im stillen genannt habe, als sie mich als Bewerber um ihre Hand habe ansehen müssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der tapsige Junge von einst gewesen, über den sie damals beide so viel gelacht hätten, sondern habe mich gemausert und zu einem gewandten, tüchtigen Geschäftsmann entwickelt, dem es auch an geselligen Tugenden nicht mangle bis zu einem gewissen Grad. Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel besonders viel Wert darauf lege, daß ich der Gemahl und zugleich (oder vielmehr zuvörderst) der Geschäftsinhaber werde. Er habe es ihr nicht so gesagt, aber sie habe es selber gewußt, daß seine Vorliebe für mich hauptsächlich daher komme, daß ich, arm und ohne Anhang, wenigstens ohne solchen, der in Betracht komme, in allem gefügig und abhängig bleiben werde, trotz meiner Tüchtigkeit, so daß ich dann so eine Art von Prinzregenten darstellen könne, was ihm alles in den Kram gepaßt habe.

Sie habe sich innerlich freilich gekränkt, denn ich habe ihr nicht genügen können nach dem Geliebten, obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt hätte, sie habe sich aber offen gesagt, daß es nun auch darauf nicht ankomme, denn sie wisse ja, was sie wolle.

Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, an dem ich kommen und um sie anhalten würde, denn Heirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem Manne doch in die Hand, das habe sie sich nicht verborgen.

Es sei aber dann ganz anders gekommen.

Sie habe immer wieder aufs neue unter der Trennung von ihm gelitten, und zwar je länger je mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine mit der Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn oft gerufen, wo er auch sei in der Welt, und so sei sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurückholen können, da es ja nachher das gleiche gewesen wäre wie zuvor.

Da sei das Verhängnis erschienen, urplötzlich, und zwar ganz verwandelt gegen sonst, nicht mehr der hübsche, freundliche Junge mit dem weichen Kindergesicht und den heiteren blauen Augen, sondern ganz glühend und bebend vor Leidenschaft, die sie gar nicht hinter mir gesucht hätte. Er habe sie mit Liebesworten überschüttet, aber noch viel mehr mit dem Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche Antwort von ihr verlangt, ob sie die Seine sein wolle, so daß sie vor unsäglichem Staunen nicht habe die Augen abwenden können. Es sei aber dann über sie gekommen, daß er mit den heißen Wogen seiner Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr gelitten habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggespült habe, und sie habe sich mit geschlossenen Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf der Flucht vor ihm, dem Geliebten.

Das habe freilich nicht lang dauern können, denn sie habe ja sogleich wieder gespürt, daß sie nichts für mich fühle, was auch nie anders geworden sei.

Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und da empfunden, wenn ich sie mit so unentwegten Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei es echt, und sie wisse, daß ich leide unter ihrer Kargheit. Dann sei sie gut und freundlich mit mir gewesen. Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger Ungeduld, daß ich mit selbstsicherem Wartenkönnen Liebe von ihr erwarte, so als ob ich dächte: Ich bekomme dich ja doch noch. Es wäre vielleicht besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes von uns auf seine Kosten käme, denn es werde ja nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im Schach zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr Leben ein, wie sie es nötig habe, das sehe er daran, daß sie die große Hochzeit halten werde, denn so sei sie einmal, daß sie Luxus und Gesellschaft brauche; sie wolle das große Opfer nicht umsonst gebracht haben.

Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um alles los zu werden.