Manchmal kam mir der unsinnige Gedanke, sie könne auf einmal zur Tür hereinkommen und an meinem Lager stehen. Ich schloß die Augen und sah sie vor mir, und mein Herz klopfte ihr entgegen und gab ihr tausend liebe Namen. So gingen einige Tage vorbei, in denen ich kräftiger wurde und nach dem Aufstehen verlangte, denn es eilte mir auf einmal mit dem Gesundwerden. Luise war jetzt wieder viel in ihrer Bügelstube, und eines Tages fiel es mir auf, daß sie blaß und übernächtig aussehe und rotgeränderte Augen habe. Ich schalt mich, daß ich nicht mehr an sie gedacht hatte, die mich mit so großer Treue gepflegt und mir zurechtgeholfen hatte, denn ich dachte, sie sei übermüdet vom Nachtwachen, aber als ich sie darauf anredete, lächelte sie traurig und sagte, ich solle mich nicht um sie kümmern, sondern nur trachten, gesund zu werden, daß ich dem Leben wieder gewachsen sei, denn das verlange viele Kräfte, mehr als man ahne. Das fiel mir auf, da sie sonst so zuversichtlich und wacker dastand, und ich dachte, sie mache sich Sorgen um mich und mein Fortkommen, mehr als sie zeigen wolle, und nahm mir vor, sie so recht an allem Guten, das ich doch noch zu erreichen hoffte, teilhaben zu lassen, so daß sie wieder freudig aufatmen könne. In diesen Tagen kam Helene viel mit den Kindern zu mir, die ich ja noch gar nicht kannte, und die man mir seither, um mich zu schonen, ferngehalten hatte. Das kleine Mädchen auf ihrem Arm, das Maria hieß, sah mich ernst und aufmerksam an, bis auf einmal ein Lächeln das ganze runde Gesichtchen überzog und es wie in Sonnenschein tauchte, während das Bübchen sich zuerst in die Rockfalten der Mutter verkroch und mich aus ihnen heraus musterte, und dann mit Geschrei fortgebracht zu werden begehrte, weil ich ihm in meiner Blässe und Hilflosigkeit unheimlich war. Wir befreundeten uns aber doch nach und nach, und bald kam der Kleine, der meinen Namen trug, auch allein zu mir. Ich setzte ihn auf meine Bettdecke und sagte ihm Liedchen vor, die mir aus meiner Kindheit her wieder einfielen, von denen er aber einige schon kannte und mich berichtigte, daß ich sie nicht recht wisse, die Mutter habe sie ihm anders gesagt, und so müssen sie heißen. Es war ein frühgewecktes und gelehriges Kind mit dunklem Lockenbusch und blauen Augen. Man sagte mir, er sei eine zweite Auflage von mir, wie ich in seinem Alter gewesen sei, und ich dachte daran, daß mich mein Vater, der Erzählung nach, auch so vor sich auf der Bettdecke sitzen gehabt und mich Liedchen gelehrt habe. Es drängte mich eine warme und dunkle Lust, ein eigenes Kind aus meinem Blute zu umfassen, und reiche Quellen, die neu aufsprangen, strömten von mir zu Maidi hin, deren Namen ich im Geheimen den kleinen Ludwig sagen lehrte.

Ich versuchte das Aufstehen und saß zum erstenmal in einem Korbstuhl am Fenster, als Lotte Meister mich besuchte. Ich dachte, ich müsse mich wohl sehr verändert haben, da sie mich ernst und bewegt ansah und eine meiner zart gewordenen Krankenhände behutsam zwischen ihre beiden festen und gesunden nahm. „Du mußt jetzt ein fester und starker Mann werden,“ sagte sie; „wir warten alle darauf.“ Es schien, als wolle sie mir noch etwas mitteilen, was ihr aber nicht über die Lippen wollte, und als ich sie fragte, ob sie etwas Besonderes habe, sagte sie hastig, sie komme morgen wieder, und kürzte ihren Besuch ab. Sie trug ein schwarzes Kleid und schien zu einer Beerdigung zu gehen, und es läuteten auch gleich nachher die Glocken einer entfernten Kirche zusammen, dumpf und schwer. Im Hause war es still; nur von der Werkstatt herüber hörte ich das Kreisen und Schwirren der Bandsäge, das mit scharfem Ton die Luft zerriß. Die Glocken dröhnten; es lag ein Nebel über der Gasse, der zusehends dichter wurde; mir war schwer und angst zumute. Ich versuchte im Zimmer auf und ab zu gehen, um meine Kraft zu üben, denn ich mußte machen, daß ich bald auf die Reise kam, um Maidi zu finden. Sie mußte mich lossprechen und mit mir eins sein, sonst konnte ich nicht neu anfangen zu leben.

Als nach einiger Zeit Luise zu mir kam, sagte ich erregt, ich müsse mit ihr reden, ich könne es nicht mehr verschieben. Ich hätte die ganze Zeit darüber geschwiegen, aber nun halte ich es nicht mehr aus, ich müsse Maidi wieder gewinnen. Wenn sie wirklich zu lieben verstehe, so müsse sie auch über alles hinüberkommen, was uns getrennt habe. Ich dachte nicht daran, daß wir uns ja noch gar nie ausgesprochen hatten, noch nie in Wirklichkeit geeint gewesen waren; es war mir, als hätten unsere Seelen schon lange im innigsten Verein gelebt und wären nur für eine kurze und dunkle Zeit auseinandergerissen gewesen durch meine Schuld. Ich sah betroffen, daß sich Luise über den Tisch warf und, den Kopf auf die Arme gelegt, lautlos schluchzte, so daß ihre Schultern zuckten vor heftigem Weinen. In meiner starken Erregung faßte ich es so auf, als halte sie es für unmöglich, daß Maidi mir verzeihen könne, oder als wisse sie mit Sicherheit das Gegenteil. Ich rührte sie an der Schulter und sagte: „So gib doch Antwort,“ worauf sie den Kopf hob und, mich mit großen Augen schmerzlich ansehend, tonlos sagte: „Es hilft nichts mehr. Maidi ist nicht mehr am Leben. Sie ist vor einer Stunde begraben worden, hier in ihrem Familiengrab!“

*

Wenn ich an jene Stunde und an die Tage denke, die darauf folgten, so wundert es mich, daß sie vorbeigingen und daß ich sie überstehen konnte. Es rinnen ja Zeit und Stunde auch durch den rauhsten Tag, aber wer, mit schwerer Last beladen, jede Minute schmerzvoll auskostet, dem ist ein Tag eine Ewigkeit, und er sieht ihn herniedersinken in den Schoß der Nacht, als ob das Gestern unaussprechlich lange her wäre, und als ob es zu viel verlangt wäre, daß er auch noch das Morgen tragen solle.

Dennoch fassen sich auch in solcher Zeit die Stunden an den Händen, nicht zu leichtbeschwingtem Tanze, sondern zu langsam schleichendem Gange, der aber auch sein Ziel erreicht, wie die träge dahinrollende Welle eines Stromes, der in der Niederung angelangt ist.

Die Meinigen hatten befürchtet, daß ich aufs neue erkranken würde, wenn ich die Nachricht von Maidis Tod vernähme, die sie aus der Zeitung schon einige Tage zuvor erfahren und mir noch vorenthalten hatten, bis ich mehr gekräftigt sein würde. Sie hatte mit ihrem Bruder eine größere Wanderung gemacht, nachdem sie die Schlußprüfung an der Schule hinter sich hatte, und war beim Baden in dem herbstlich durchsonnten, aber doch eiskalten Wasser eines Gebirgssees vom Herzschlag getroffen worden und lautlos untergesunken. Der Bruder, der näher am Ufer war als sie, sah sie, die weit hinausgeschwommen war, plötzlich verschwinden, schwamm mit starken Stößen auf die Stelle zu, wo das Wasser noch weite, unruhige Kreise zog, und konnte mit Hilfe eines Schiffmanns, der am Ufer an seinem Nachen bastelte, den geliebten Leichnam bergen, was alles, mit vielen Zutaten versehen und ausgeschmückt, in der Stadt, wo die Geschwister noch viele Freunde und Bekannte hatten, erzählt wurde und von Mund zu Mund ging.

Der beraubte Bruder hatte dann die Schwester in das Familiengrab zu dem silberglänzenden Großvater gebettet, dessen Liebling sie gewesen war, und mit dem man sie so oft hatte durch die Straßen gehen sehen, aufrecht, mit freier und freudiger Haltung und mit erwartungsvoll schreitendem Gange, wie sich jedermann, der sie gekannt hatte, wohl erinnerte.

Ich wurde nicht kränker, so wohl es mir getan hätte, aufs neue ins Nichtwissen und noch besser Nichtfühlen unterzusinken. Meine gesunde Lebenskraft hatte für jetzt einmal den Kampf mit der Krankheit bestanden, die ihr ohnehin fremd genug gewesen war. Sie ließ sich jetzt nicht mehr in ihrer Erneuerung aufhalten, so schwer und gramvoll es auch dem Bewohner des jungen und frisch sich aufbauenden Leibes zumute war. Sondern alles, was sich auf mich stürzte: Gram, Sehnsucht, Liebe und Reue und das Heer von fragenden und vergeblich suchenden Gedanken zwang und trieb mich, aus der Enge des stillen Krankenstübchens hinauszukommen, wo die Wände mich zu erdrücken drohten, um im Freien und in der Bewegung meiner selbst und der erbarmungslosen Wirklichkeit Herr zu werden.

Es gab Tage, wo sich alles in mir dagegen auflehnte, daß es mir so furchtbar ergehen und ich, als ich dem holden Glück eine Weile den Rücken gewandt hatte, um eines Irrtums oder eines falschen Triebes willen, seiner nun auf immer verlustig gehen sollte. Ich zürnte mit Gott, den ich nun auf einmal anzureden und vorzufordern begann, nachdem ich sonst wenig genug Verkehr mit ihm gepflegt hatte. Wie ein Kind, das sich allzuhart bestraft vorkommt um eines Vergehens willen, das ihm eben der herben Züchtigung wegen klein zu werden beginnt, trotzte ich und bäumte mich auf, denn es war mir, als sei Maidi einzig von mir hinweggestorben, eben jetzt, als ich den Rückweg zu ihr suchte. Ich hätte durch alle Welt hinstürmen und sie zwingen wollen, mich noch einmal anzuhören. Aber sie war nirgends mehr aufzufinden, und wenn ich auch Flügel der Morgenröte genommen hätte. Einzig jenseits des Todestores wäre sie vielleicht gewandelt, und ich hätte ihr begegnen können, wenn ich auch da hindurchgegangen wäre. Aber es graute mir vor dem Gedanken, mit dem ich doch eine Zeitlang gespielt hatte, denn ich dachte der angstvollen Träume in den Fiebertagen, wo sie fremd und lautlos vor mir hergegangen und mir immer entschwunden war, wenn ich sie hatte fassen wollen. Wer bürgte mir, daß sie auch jetzt sich nicht von mir abwandte oder mich aus toten, leeren Augen fremd ansah, wenn ich sie traf? Stumm, ohne ein Wort oder ein Zeichen, daß sie meiner noch gedenke, war sie aus der Welt gegangen, und wenn ich auch in die kalte und furchtbare Einsamkeit hineinrief, die mich, selbst wenn ich mitten unter den Menschen war, umfing: „Maidi, wo bist du? Gib mir ein Zeichen, nur einmal, daß wir uns berühren und du noch zu mir gehörst,“ so kam doch nicht der leiseste Laut, nicht der fernste Traum zu mir. Ich blieb in der Schuld gegen sie und im Unrecht. Ich mußte weiterleben und mich selber tragen; niemand entsühnte, niemand entlastete mich, und die Wirklichkeit sah mich aus unerbittlichen Augen streng und grausam an.