Bei dem allem war ich begierig zu hören, was sich die Leute, die mehr wußten als ich, von Maidis Tod erzählten. Es kam nicht viel Neues hinzu, aber es war mir jedes Wort kostbar, das von ihr noch in der Luft umging. Luise, die durch ihr Bügelgeschäft mit allerlei Menschen zusammenkam, heimste es für mich ein und gab es mir weiter, obgleich ihr weiches und liebreiches Herz sah, wie ich dabei litt, und lieber geschwiegen hätte.
Zum Beispiel sollte der Bruder gesagt haben, das Studieren sei Maidi nicht gut bekommen; sie sei über ihre Jahre und ganz gegen ihre Natur ernst und still geworden. Sie habe auf jener Wanderung ein paarmal von ihrem Herzen gesprochen, das nicht mehr so leicht und fröhlich schlage wie einst und habe dann aber hinzugefügt, es mache nichts, denn ein leichtes Leben sei ein leeres Leben, nach dem es sie nicht verlange. Der Bruder habe den Eindruck gehabt, als sei ihr etwas Schweres widerfahren, und habe sie gefragt, ob ihr jemand ein Leid zugefügt hätte, da habe sie mit lieblichem und traurigem Lächeln gesagt: „Liebes und Leides; es ist aber noch nicht zu Ende. Es geht mir wie der Mutter, ich muß warten.“
Dabei habe sie so fest und geradeaus wie in eine Ferne gesehen, aus der das Erwartete herkommen solle, daß der Bruder gedacht habe, sie könne herbeizwingen, was sie wolle, nur durch unentwegtes Warten.
Es sei ein sonniger Tag gewesen am letzten Oktober. Die Geschwister seien an dem Gebirgssee angekommen, der wie ein großes, klares Auge oder wie eine Opferschale voll geweihten Wassers still und glänzend in der Sonne lag, und Maidi habe sogleich gesagt, hier wolle sie schwimmen, und zwar bis ans jenseitige Ufer, an dem der Erzählung der Leute nach eine Wiese voll blühender Herbstenziane liege. Der Bruder habe anfangs keine rechte Lust bezeugt und sei am Ufer geblieben, indes Maidi, wohlig auf dem Rücken liegend, von dem durchsonnten Wasser sich habe tragen lassen, bis sie auf einmal gesagt habe: „Jetzt schwimme ich hinüber, komm doch nach,“ und angefangen habe, sich rasch von ihm zu entfernen. Da habe es ihn auch darnach verlangt, und er habe die Kleider abgeworfen, sei aber noch nicht weit gewesen, als sie plötzlich gesunken sei und also von ihm weg an einem Ufer gelandet, wohin er ihr nicht habe folgen können.
Sie habe dann im Sarg einen vollen Kranz der dunkelblauen späten Blüten im Haar gehabt, unter denen sie feierlich und geheimnisvoll aussehend mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Munde gelegen sei, so daß man sie nur hätte fragen mögen, welches Wissen ihr noch im letzten Augenblick, eh' ihr Herz stillstand, gekommen sei.
Alle diese Dinge mußte ich wie einer, den sie nichts angingen, von fremden Leuten erfahren, die heute davon und morgen von etwas anderem redeten, indes ich sie ins Herz sammelte, um davon zu zehren, wenn ich verschmachten wollte.
Ich suchte, so bald ich irgend konnte, das Grab auf, das mir aber kein liebes Gefühl der Nähe der Geliebten gab, sondern nur eine strenge und starre Bestätigung davon, daß sie sich verborgen habe vor mir und aller Welt. Sie, die sich nicht hatte ersättigen können an allen Höhen und Weiten und die ihre Arme dem Licht entgegengebreitet hatte, daß es sie ganz umfange, hatte nun ein so enges und schmales Bett und Erde auf ihrem lieben Gesicht. Sie wanderte nie mehr mit mir durch die rauschenden Wälder, sondern lag still an den alten, königlichen Herrn angeschmiegt, der ihres Blutes und ihrer Art war, was mich in aller Betrübnis noch mit einer Art von Eifersucht erfüllte, so lächerlich das im Grunde war.
Als ich durch die Stadt zurückging, kam ich zufällig an dem alten Patrizierhaus vorbei, das Maidis Heimat gewesen war, und sah einen Wagen vor demselben stehen, auf den allerlei Hausrat, Kisten, Teppichrollen und dergleichen aufgeladen wurde. Wie fremd und verwundert vor der taghellen und nüchternen Umgebung stand eine große, uralte geschnitzte Truhe aus schwerem Eichenholz zwischen dem andern Geräte, die ich sogleich als die von Maidi auf jener Wanderung mit Olbrich geschilderte erkannte, und die also ihr kleines Erbe enthielt, das irgendwohin wanderte, Gott mochte wissen, wo. Ein Mann brachte unter jedem Arm ein Gemälde in Goldrahmen hergeschleppt. Sie wurden auf dem Wagen in grüne Tücher eingeschlagen, und ich sah, eh' sie verschwanden, leuchtende, sonnige Landschaften unter blauem Frühlingshimmel. Eine Flut glänzte auf, Blütenbäume schimmerten, dann lagen die lichten und freudigen Gebilde wieder auf ihrem Angesicht, wie sie es lange in der dunkeln Kammer hatten tun müssen. Vorüber, vorüber, dachte ich. Es war ein Leuchten in meinem Leben, aber es ist ausgelöscht.
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Eines Tages ging ich in schweren Gedanken am Ufer des breiten und mächtigen Flusses hin, der an meiner Vaterstadt vorbeiströmt. Er war voll vom vielen Regen der letzten Tage, und seine Wellen eilten rauschend und unaufhaltsam in ihrem Bette dahin. Die Ufer lagen im Nebel, der die Bäume auf der andern Seite einhüllte, so daß ihre Stämme und Kronen aus dichten Schleiern sonderbar fremd und schweigend herübersahen. Stumm und schattenhaft flog ein Schwarm von Krähen über mir hin, in den Nebel hinein; kaum daß man ihre Flügel rauschen hörte. Eine alte, zerklüftete Weide hängte nackte Zweige in das Wasser, das sie hob und senkte im raschen Vorübereilen. Ich war allein und fremd, denn ich fand den Weg nicht mehr ins Leben zurück. Hier hatte ich in glücklichen Kindertagen Kiesel auf dem Wasser tanzen lassen, hatte den Schiffern, die ihre Flöße stromabwärts steuerten, zugerufen und mit fröhlichen Kameraden Weidengerten geschnitten. Es war noch der Fluß meiner Kindheit, der einst blau und plätschernd geflossen war, der mich als kräftigen Schwimmer auf dem Rücken getragen und an kiesige, durchsonnte Ufer lachend ausgesetzt hatte. Jetzt strömte er mit schweren Wellen eilig und gleichgültig an mir vorüber, als ob er mich nicht mehr kenne, und seine Ufer lagen im Nebel, wie mein Leben. Ich dachte, ob es nicht besser wäre, wenn ich mich in das trübe Wasser gleiten ließe und von ihm unaufhaltsam fortgetragen würde, da dann alles auslösche, was drückend auf mir liege, und ich mit. Da tauchte aus dem Nebel ein Pfahl auf, an dem eine Bildertafel befestigt war, die ich aus meinen Kindertagen her wohl kannte. Sie stellte in ungeschickter Malerei, die auch schon ziemlich verblaßt und verwaschen war, eben dieses Ufer dar, von einem Hochwasser des Flusses überschwemmt. In hohen Wellen und weißem Gischt war ein versinkendes Fuhrwerk zu sehen, dessen Lenker samt den Gäulen noch halben Leibes aus der Flut herausragte, ihr aber nicht mehr zu widerstehen vermochte. Wir hatten als Buben unser Vergnügen an der Schilderei gehabt, da in einer mangelhaften Schreibweise mit vielen orthographischen Fehlern den Vorübergehenden empfohlen wurde, für die Seele des Ertrunkenen, der ein Müller gewesen war, zu beten, und der Maler gleich zur Unterstützung seiner Ermahnung einige weiß gekleidete Müllerskinder in engen Kamisölchen und mit andächtig aufgehobenen Händen auf dem Bilde angebracht hatte. Sie hatten, da es lauter Buben waren, sonderbar starrende weiße Zipfelmützen auf und sahen nicht viel anders aus als aufrecht stehende Kaninchen mit gespitzten Ohren, was alles zusammen uns vielen Spaß machte. Heute las ich zum erstenmal mit leidvoller Aufmerksamkeit den Text, da ich auch am Ertrinken war, wie der Müller, wenngleich durch andere Fluten. Es hieß: