„Glück und Unglück, beide trag' in Ruh',
Alles geht vorüber, und auch du.

Hier ist mit Roß und Wagen in den Grund gefahren und vertrunken der Müller Daniel Jungbluth, dessen Seele Gott gnädig sein wolle. Wanderer, der du vorüber gehst, versäume nicht, fürzubitten, denn du weißest nicht, ob auch du der Frommen Gebete brauchest, wenn du von hinnen gefahren bist.“

Da weiß ich nun nicht zu erklären, woher mir auf einmal beim Lesen etwas wie gelinder Trost durch die Seele floß, als ob mich eine sanfte Hand leise berühre und den grauen Wolkenvorhang meines Innern lüfte. Alles geht vorüber, und auch du, sprach es in mir, und was mir vorher schrecklich und trostlos gewesen war, nämlich das Vergehen, barg auf einmal Trost und Hoffnung in sich, da nicht nur das Liebe und Schöne verging, sondern auch das Schwere und Traurige. Ich mußte es tragen. Aber nicht für immer, es hatte alles ein Ende und ein Ziel, und auch ich hatte es, ohne daß ich es mir vorzeitig setzte. Irgendwann strömten alle Wasser ins Meer, die klaren und die trüben, und vereinigten sich am Herzen der Mutter, nach der sie in Sehnsucht hingewallt waren.

Wie es aber geht, wenn die Nebel anfangen, sich zu heben und ein Stück Fluß und Tal ums andere im lieben Lichte liegt, so folgte dem Lichtblick ein anderer, da mir auch Maidis Tod nicht mehr als eine Flucht vor mir erschien, sondern als die Erfüllung ihres eigenen Schicksals. Auch sie war vorübergegangen in all ihrer Lieblichkeit. Sie hatte das Leben zu erfassen gemeint, dem ihr Herz zärtlich und sehnlich entgegenklopfte und war in ihrer goldenen Jugend an das jenseitige Ufer hingerufen worden, um vielleicht dort neue Aufträge entgegenzunehmen, ein anderes Leben zu führen, zu dem ich keinen Zutritt hatte. Ich mußte es aufgeben, sie ängstlich und leidenschaftlich zu suchen und ihr nachzurufen, und hatte nichts zu tun, als mein Leben zu leben und daraus zu machen, was irgend möglich war. Das zu denken und mir vorzusetzen, schuf mir eine freie, einsame Kühle, in der die tobenden Schmerzen, aber auch die Selbstvorwürfe und die mutlose Schwäche vergehen mußten und aus der heraus es einen Weg gab, zur einfachen Pflicht zurückzukehren, in der so viele Menschen leben mußten ohne hohes Glück und überschwengliches Hoffen.

Doch erreichte ich diese Lebensmöglichkeit freilich nicht auf einmal und nicht ohne viel Übung im Fahrenlassenkönnen, im Stillen und Geschweigen der begehrlichen Sinne, im Wegblicken von der Vergangenheit, der lieben und der schlimmen, und nicht ohne williges Eingehen auf einen neuen Weg, der sich vor mir auftat, ohne daß ich ihn gesucht hatte.

*

Ich hatte einige Male gesehen, daß Luise mitten am Werktag ausging, was sie für gewöhnlich nicht tat, in gutem, sorgfältigem Anzug und mit Handschuhen versehen und mit einer gewissen feierlichen Wichtigkeit. Da sie mir aber nicht von selber sagte, was es bedeutete, fragte ich auch nicht, obgleich mir ihr Gesicht und Wesen beim Heimkommen irgend etwas ausdrückte, als ob die Gänge mit mir zusammenhingen. Das war auch der Fall, wie ich bald erfuhr.

Mitten in der Stadt lag in einer schmalen Straße des Geschäftsviertels ein Buchladen, dem seit vielen Jahren ein Männchen vorstand, das ich schon seit Knabengedenken als alt und engbrüstig in Erinnerung hatte. Man sah es häufig, wenn die Sonne über die hohen Dächer stieg, vor der Tür stehen und sich händereibend an dem bescheidenen Strählchen wärmen, das die Straße erreichte, dann sein Schaufenster betrachten und hüstelnd wie ein rechter Asthmatiker wieder in den Laden zurückkehren. Diesen hatte ich in meiner Schülerzeit nie besonders angesehen, da im Schaufenster allerlei altes, verstaubtes Zeug lag, das mich nicht im mindesten interessierte. Es war ein Antiquariat, das der Alte neben dem Wichtigsten an neuer Literatur, das er auch führte, mit Liebe und Sorgfalt betrieb. Gott mochte wissen, wo er in seiner Gebrechlichkeit die seltenen Exemplare, die alten Ausgaben rar gewordener Werke, geschmückt mit Kupferstichen oder ausgezeichnet durch wertvolle Handschriften, auftrieb, die er den Kennern hüstelnd und händereibend vorzeigte. Man sagte von ihm, er sei arm geblieben, weil er sein Herz so an die Schätze gehängt habe, die er in den staubigen Regalen seines Ladens angehäuft habe, daß es ihn jedesmal einen Kampf und schweren Abschied koste, wenn er etwas davon verkaufen solle, so daß die Kunden, die ihn näher kannten, alle Listen anzuwenden genötigt seien, um überhaupt das Beste und Seltenste gezeigt zu bekommen, wovon die ergötzlichsten Geschichten im Umlauf waren. Dieses Männchen nun war allmählich so asthmatisch geworden, daß es seiner Sache nicht mehr vorstehen konnte, und mußte sich zu dem bittern Geschäft des Verkaufens oder Verpachtens entschließen, welch letzteres ihm das Leichtere schien, da es seiner Meinung nach immerhin sein konnte, daß ihm eine Kur, die es anzuwenden gedachte, noch einmal freien Atem und Leichtfüßigkeit verschaffte, und es dann von neuem anfangen konnte, zwischen den Büchern herumzustöbern. So wenigstens hatte Luise gehört und hatte den Büchermann aufgesucht, weil sie erfahren wollte, ob da vielleicht etwas für mich herausspringe. Der Alte, der mißtrauisch und zurückhaltend war, hatte an der treuherzigen Einfachheit und aber auch ehrenhaften und klugen Biederkeit meiner Schwester Wohlgefallen gefunden und sie hatte ihm, so viel er es hatte leiden mögen, von mir erzählt. Darauf hatte er, wie ich später erfuhr, schmunzelnd gesagt: „So, so, also er ist auf die Nase gefallen zu guter Zeit noch? Das tut ihm nichts, das tut ihm gar nichts, im Gegenteil, wen die Götter lieben, den lassen sie beizeiten einen Knacks bekommen,“ wobei er so lachen mußte, daß ihm der Atem knapp wurde und er blaurot im Gesicht wurde. Das alles erschreckte Luise so sehr, besonders auch die heidnische Göttermehrheit, die er als schicksalswaltend anführte, daß sie schon anfing, zu bereuen, sich in mein Geschick gemengt zu haben, als der Alte sich erholte und ernst werdend sagte: „Man kann es natürlich auch anders ausdrücken, item, es ist nicht immer gut, wenn einem alles glatt hinausgeht.“ Darauf fing er an, sich mit ihr auf das Geschäftliche einzulassen, wegen dessen sie allein zu ihm gekommen war; denn sie hatte wissen wollen, ob die Ersparnisse, die sie in den letzten Jahren gemacht hatte, wohl hinreichend wären, mich in das Geschäft hineinzusetzen, falls ich Lust dazu hätte.

Das wäre nun nicht der Fall gewesen, wenn der Alte nicht eine besondere Freude an Luise gehabt und ein Vertrauen zu ihr gefaßt hätte, so daß er die Bedingungen leicht und möglich machte.

Das alles erfuhr ich erst viel später; es wäre mir sonst noch schwerer gefallen, als es ohnehin geschah, auf den Plan, den sie mir zögernd und halb verlegen eines Abends unterbreitete, einzugehen. Ich hatte mir jetzt vorgenommen, meine Zukunft und alles, was ich noch erreichen wollte, nur von meiner Arbeit und streng zusammengerafften Kraft abhängig zu machen und sollte nun ein neues Opfer von Luise annehmen und wieder gewissermaßen etwas Zufälliges über mich entscheiden lassen. Doch sah ich, mit welcher Begierde Luise auf meine Entscheidung wartete und wie lieb und wertvoll es ihr war, mich in ihrer Nähe zu behalten, und dachte, da doch sonst nirgends auf Erden ein Mensch nach meiner Gegenwart verlange, so könne ich wohl hier bleiben, und es kam auch gleich etwas wie ein Heimatsgefühl über mich, als ich in Gedanken so weit war. Auch verstand ich mich mit dem alten Buchhändler besser, als ich für möglich gehalten hätte, da ich mich nun selber mit ihm ins Benehmen setzte. Er war ein gründlich gebildeter Mensch, der aber nach irgendwelchen schweren Schicksalen und nachdem ihm die nächsten Menschen gestorben waren, sich in sich selbst und seine Bücherwelt zurückgezogen und äußerlich etwas Ungepflegtes, Uhuartiges bekommen hatte. Wenn man aber die dicke Staubschicht, die auf ihm saß, hinwegblies, um ihn jetzt mit einem seiner alten Folianten zu vergleichen, so kam allerlei Lesenswertes zum Vorschein, schnörkelig und grillig zwar, und in einer seltsamen Sprache, aber nicht ohne einen trockenen Humor und nicht ohne Geist, was mancher seiner Kunden wohl wußte, der gern ein längeres Gespräch mit ihm führte außer dem Geschäftlichen, und der auch in Letzterem sich gern von ihm beraten ließ, so belesen er selber sein mochte. Kurzum, ich sah, daß es nicht das Erbe eines alten Trödelmannes zu übernehmen galt, sondern eher die sorglich gefüllte Schatzkammer eines Sammlers, der mit leuchtenden Augen unter verwilderten Brauen hervor seine Lieblinge betrachtete und sie am liebsten alle mitgenommen hätte. Ich gewann Interesse dafür und vergaß zum erstenmal wieder etwas von meinen eigenen Kümmernissen im Durchstöbern der Bücherreihen, die sich in einem langen, schmalen Gemach hinter dem kleinen Laden hinzogen, und die ich an ein paar Abenden mit dem Alten nach Ladenschluß betrachtete. So ein Einsiedler und Sonderling wirst du nun auch nach und nach werden, dachte ich freilich dabei, aber es machte mir im Augenblick keine Beschwerden, denn es fiel mir leichter, mich hier zu bergen in die Abgeschlossenheit des kleinen Ladens, als irgendwo draußen auf der Welt, die mich gar nicht lockte, wieder neue Fahrten zu tun und mit vielen Leuten meines Alters zusammen zu sein. Auch machte sich, als wir wirklich übereingekommen waren, daß ich das Geschäft auf eigene Rechnung führen solle und der alte Uhu mit scheuem Flügelschlag hinausgeflattert war, doch bald geltend, daß ich etwas gelernt hatte und jung war, so daß ich in manchen Zweig des Betriebs einen frischen Zug brachte, ohne dabei das Eigenartige zu verlieren, das der Alte gepflegt hatte.