Ich lebte zurückgezogen, ohne Gesellschaft zu suchen, denn es war alles noch zu frisch, was ich erlebt hatte, und es ging mir zu viel nach, als daß ich hätte unter Menschen gehen mögen. Ich hoffte, meine Schwester Luise werde zu mir ziehen und mir das Hauswesen führen, so daß wir dann beieinander eine Heimat gehabt hätten. Aber sie wollte nicht. „Komm zu mir, so viel du willst,“ sagte sie, „je öfter je lieber, und ich will auch nach dir sehen, so viel es dir recht ist, doch soll jedes in seinem Eigentum und Lebenskreise bleiben, so daß es frei und natürlich leben kann, wie es ihm paßt.“ Ich merkte wohl, daß sie dachte, sie würde mir ein Hindernis sein, falls ich mich einmal zu verheiraten gedächte, oder ich würde, behaglich bei ihr eingesponnen, die Lust dazu verlieren, und stritt nicht mit ihr, obgleich ich zu wissen meinte, daß der Gedanke an Liebe und Heirat hinter mir liege für alle Zeit. Sie brachte aber viele Abende bei mir in der kleinen Wohnstube hinter dem Laden zu, die sie behaglich für mich eingerichtet hatte und in der sie immer wieder einen kleinen Schmuck oder eine neue Bequemlichkeit anbrachte, und hatte den dienstbaren Geist, der mir das Hauswesen in Ordnung hielt, gut im Zug, so daß mir nichts abging im Äußeren. Wenn sie sah, daß ich trübsinnig war und mich quälte, so lockte sie mich, daß ich Helene aufsuchte und mich an ihren Kindern erfreute, und hatte immer neue hübsche und liebliche Züge von ihnen zu erzählen. Manchmal kam auch Lotte Meister mit ihr, und wir saßen behaglich zusammen und plauderten, oder wir machten an schönen Abenden noch einen Gang und kehrten irgendwo ein, wo es uns gefiel. Da lernte ich nun im häufigen und anspruchslosen Verkehr mit den beiden eigentlich zum erstenmal recht die gesunde Kraft ihres klugen, einfachen Wesens kennen, den unverbildeten Verstand, die Schlagfertigkeit ihrer Rede, mit der sie so recht den Nagel auf den Kopf zu treffen wußten, und den Mutterwitz, der sich nach und nach herauswagte, als sich mein trübseliger Ernst erhellte. Lotte Meister war die Lebhaftere von beiden; sie wußte mich aus aller Schweigsamkeit herauszulocken und immer neue Dinge aufs Tapet zu bringen, über die ich Bescheid geben, mich verantworten, die ich erklären oder verteidigen sollte. Dabei stellte sie ihre Unwissenheit in allen Sachen, die man durch Lesen oder Studieren erwirbt, gar nicht in Abrede, zeigte aber keinerlei Verlegenheit darüber, sondern eher eine Art von fröhlicher Unbekümmerlichkeit. Sie war sich darin und in allem Wesentlichen gleich geblieben, wie sie von jeher gewesen war. Es war aber nicht so weit her mit ihrem Nichtwissen, sondern sie kannte sich besser aus auf der Welt als mancher, der die Nase kaum aus den Büchern erheben mag; nur ließ sie sich die Sachen gern mündlich vortragen gleich einem Regenten, der sich von seinem Kanzler oder Minister Vortrag halten läßt, um das Wichtigste nahe beisammen zu haben, und übte auch, kaum daß sie aufmerksam zugehört hatte, ihre Kritik daran, an der gut zu merken war, wie hell es in ihrem Kopfe zuging. Meine Schwester Luise sah und hörte mit innigem Vergnügen zu, wenn wir uns zuweilen stritten und einander sogar freundschaftliche Grobheiten an den Kopf warfen; denn es war ihr alles ein Zeichen meiner Wiederherstellung und meines Heimischwerdens in dem neuen Leben, an dem sie sich durch ihren Eingriff in mein Schicksal mitverantwortlich fühlte. Sie war auch froh, schon um Helenens willen, daß ich mich mit dem Schwager gut vertrug, soweit das bei unseren verschiedenen Naturen möglich war. Er war ja ein tüchtiger Arbeiter, der sich und die Seinen vorwärts brachte, und auch ein sorglicher Familienvater, aber eng begrenzt im Denken, und ich traute auch immer noch nicht, ob nicht die Sparsamkeit seine Haupttugend sei, auf die er sich am meisten zugute tue. Doch hatte ich keinen Grund, mit höheren Tugenden zu prahlen, und war überhaupt mehr gewillt als früher, die Menschen zu nehmen wie sie waren, da man ja bei mir auch so manches in den Kauf genommen hatte. Daß die Schwestern glücklich waren über die gute Neuordnung der Dinge, und daß Lotte Meister, die ich immer noch in einem leisen Verdacht gehabt hatte, als sehe sie ein bißchen auf mich herunter, sich von mir belehren ließ und mich ersichtlich zu respektieren anfing, tat meinem Herzen wohl; es wäre aber auf die Dauer doch nicht genug gewesen. Es gab sich aber nach und nach von selbst, daß ich auch wieder anderen Umgang gewann.

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Mein Vorgänger hatte mir unter vielen gleichgültigen, die es wie überall gab, einen Stamm von Kunden hinterlassen, die das Bücherkaufen mit Liebe und mit feiner Witterung für das Bleibende und Wertvolle betrieben. Manche unter ihnen hatten nur schmale Geldbeutel, aber sie hatten eine durstige Liebe zum Schönen und Geistigen und hatten Verständnis für das Echte. Sie ließen sich alles zeigen und hätten am liebsten das Feinste und Beste gekauft, wenn sie gekonnt hätten. An solchen Kunden war nicht viel verdient, und doch gewann ich mehr von ihnen als Geld, denn es spannen sich durch den einen oder andern von ihnen wieder neue Fäden herüber und hinüber zwischen mir und der Menschheit. Darüber könnte ich manches sagen. Was ich früher in unreifem Lebensverlangen gewünscht hatte, nahen Verkehr mit den Besten und ein Dazugehören mit Fug und Recht, das wurde mir jetzt, als ich es nicht mehr von den Bäumen zu schütteln begehrte, nach und nach ganz von selbst zuteil. Ich trat aus meinem engen Lebenskreise, in den ich mich wie in ein Schneckenhaus verkrochen hatte, wieder mehr heraus, nicht um zu sehen, was es etwa für mich selbst zu erobern gebe, sondern um mich irgendwie ans Ganze und Lebendige anzuschließen, das draußen vorbeiflutete, und ohne das ich so wenig wie ein anderer Mann auf die Dauer bestehen konnte. Da fand sich's nun, daß ich bisher mich selber viel zu wichtig genommen hatte, da es in der öffentlichen Gemeinschaft so viele Dinge gab, für die zu denken und zu sorgen und um die sich zu ereifern es der Mühe viel mehr wert war und über die man sich selbst zurückstellen, ja vergessen konnte. Wenigstens schien es mir damals so. Es wird aber beides seine Zeit und seinen Wechsel brauchen, das Eigene und das Allgemeine, und ein Aus- und Einatmen sein, und das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Wenn die Welle im Meer hin und her geworfen worden ist, so kehrt sie doch wieder in die stille Bucht am Ufer zurück, wo grüne Baumwipfel sich flüsternd über sie hinneigen und wo Heimat zu sein scheint; aber dann zieht das große und allgemeine Strömen sie wieder hinaus in rastloser Bewegung. Was mich betrifft, so hatte ich mich für einmal genug mit mir selbst herumgeschlagen und begehrte nichts, als mitzuerleben, was es Allgemeines gab, was freilich wieder zu meiner eigenen Beruhigung und meinem Nutzen diente und so den Kreislauf bestätigte, in den wir alle eingeschaltet sind.

Denn je mehr ich am öffentlichen Leben teilnahm und es mir wichtig sein ließ, je näher traten mir auch diejenigen unter den Menschen, die etwa ähnlich dachten und fühlten wie ich, so daß ich Freunde und Gesinnungsgenossen und auch ein geachtetes Ansehen gewann und ich wohl sagen kann, ich habe gefunden, als ich nicht mehr gesucht habe, und freilich auch zu einer Zeit, in der ich es nicht so stark begehrte.

Es ging mir aber auch noch mit etwas anderem so, das wieder mich allein anging. Als ich nämlich aufgehört hatte, der liebsten Seele durch unendliche Räume nachzujagen und ich sie ganz und für immer hergegeben hatte, fand sich's, daß Maidi mir näher und unverlierbarer schien, als zuvor. Ich sah sie nicht mehr, und sie konnte mich nicht mehr lossprechen, nicht neben mir hergehen auf allen Wegen, aber ich konnte so leben, wie es ihrer lauteren, aufs wesentliche gerichteten Art gefallen hätte und mich mit ihr einiger finden als manchesmal, wo ihre hellen Augen erstaunt und vielleicht traurig auf mir gelegen waren. Es fielen mir viele Dinge ein, die wir einst miteinander erlebt und gesprochen hatten; sie lagen mir jetzt klarer am Tage als damals, wo mich die Lust, zu scheinen und mich hervorzutun, oberflächlich und unaufmerksam gemacht hatte. Und ich wurde durch die Sehnsucht meines beraubten Herzens in die Welt des Innerlichen und Unvergänglichen hineingeführt, nicht um Maidis, sondern um meiner selbst willen, doch war sie auch darin, unverloren, liebend und geliebt. Sie hatte sich gewünscht, ohne Schuld und ohne die Schmerzen der Reue hinzugehen; das war ihr zuteil geworden, mir nicht. Ich war von anderem Stoffe, und das Leben brauchte andere Mittel, um etwas aus mir zu machen, und braucht sie noch. Denn ich kann ja, wie man zu sagen pflegt, nicht aus meiner Haut heraus und habe mit den Mängeln meiner Natur immer Krieg zu führen. Doch habe ich sie wenigstens erkannt und gehe ihnen zu Leibe, wo es sein kann. Oft habe ich den alten Adam, wie die Theologen das nennen, was uns Anererbtes im Blute liegt, am Kragen, bald er mich, und wir raufen uns miteinander herum. Ich habe aber einmal, als ich die Taschen eines alten Rockes aussuchte, eh' ich ihn verschenkte, einen kleinen, gänzlich zerknitterten Zettel gefunden, dessen blasse Schriftzüge dennoch wohl noch zu lesen waren, und der mir jetzt wie ein neubelebtes Vermächtnis einer längst Gestorbenen erschien, nachdem ich ihn einst nur in einer flüchtigen Abschiedsstimmung mit leiser Ahnung des Inhalts gelesen und vom Nähtisch der Brigitte Hagenau an mich genommen hatte. Er hieß: „– – doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte ich ihm: ‚Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.‘ Und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte, den Sieg behalten und bin nun dennoch – –“

Ich las die Worte an dem kleinen Fenster der Kammer, in der mein Kleiderschrank stand, solang noch der Ausläufer, dem ich den Rock schenken wollte, draußen auf mich wartete, und es war mir, als ob ich sie nun wohl auch nachsprechen dürfe, wie man bei einem Dichter oder Weisen unversehens in Form gefaßt findet, was unbewußt und doch lebendig in einem lag und nun auf einmal ist, als habe man es selber gesagt.

Denn es dünkte mich, als ob auch ich zu meinem Schicksal, in mir selbst und außer mir, sage, indem ich mit ihm kämpfe und ihm das Beste abzugewinnen versuche: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn,“ wie es einst das verwachsene und dennoch hochragende Frauenbild, das den Zettel schrieb, zu dem seinen gesagt hatte, und vor ihm viele bis zu dem Erzvater hin, der an der Furt Jabok mit dem Gotte seines Lebens rang. Es sollte nichts umsonst gewesen sein, und nicht hinter mir in nichts zerfließen, was einst mein Leben erschüttert hatte. Schmerzen, die ich erlitten und die ich andern zugefügt, Torheiten, die ich begangen und die sich schwer bestraft hatten, standen wohl hin und wieder auf und fielen mich an, aber ich wollte, daß sie zu Kräften würden in mir, die mir zu einer neuen und lebendigeren Einheit hülfen. Das hatten sie auch schon begonnen. Aber was hieß es denn bei mir, wenn ich auch sagte: „Und bin nun dennoch …?“ Was war ich denn nun dennoch oder wenigstens, was wollte ich dennoch sein?

Da meldete sich ein Stimmlein, zaghaft und trotzig in einem, das in hellem Silberton aus der wohlverschlossenen Kammer meines Herzens hervorrief, es wisse wohl, was damit gemeint sei. Nämlich ich wolle noch was Rechtes mit mir anfangen, die getrübten und verschütteten Brunnen meines Daseins wieder in klaren Fluß bringen und kein Einsiedler oder säuerlicher Junggesell werden.

Sondern weil es noch an der Zeit sei, wolle ich trachten, hereinzuholen, was möglich sei, und mich nicht mutlos ausschließen vom vollen Leben, denn ich spüre ja selber den aufsteigenden Saft in mir, wie in einem zurückgeschnittenen Baum, der wieder ans Ausschlagen denke.