Da ging dann freilich der Krieg in mir von neuem an, denn die grauen Geister der Niedergeschlagenheit waren stets bereit, den freudigen Kräften den Mund zu verbieten, die mich wieder bergan führen wollten. Sie stellten sich fromm und tugendhaft und wollten mir weismachen, daß es für mich nicht so gemeint sei, da ich bereits genug auf dem Kerbholz habe. Es sei besser, schweigend und aber freundlich und ergeben beiseite zu stehen, meinen Beruf auszuüben, woran sich mancher rechte Mensch genügen lasse, und, der Vergangenheit gedenkend, von der Zukunft nichts für mich zu verlangen. Das trotzige Engelsbübchen aber, das zuerst gesprochen hatte, erhob einen großen Lärm, strampelte mit Händen und Füßen und rief, rittlings auf der Herzkammertür sitzend: „Nichts da, sondern es wird aus allen Kräften gelebt, damit es dann, wenn einmal gestorben sein muß, etwas Rechtes aufzugeben, niederzulegen und zu hinterlassen gibt.“ Das kam mir auf einmal frömmer vor als die graue Weisheit, und weil es mir auch sonst wohlgefiel, so fing ich an, auf das helle Stimmlein zu hören, das mir täglich Neues zu sagen wußte und noch weiß, und das seinen Willen durchzusetzen strebt.
Es kam ihm freilich allerlei zu Hilfe, was ich nicht verschweigen will. Eines Tages stand unter der Tür meines Ladens, den ich auszuräumen soeben beschäftigt war, um seinen Inhalt in einem größeren und besseren Lokal unterzubringen, Herr Kasimir Hagenau, den ich seit meiner Flucht nicht mehr gesehen hatte. Er begrüßte mich mit einiger Verlegenheit, die sich aber bald verlor, als er mich, wie er sah, in guten Umständen und einer nicht unfreudigen Sicherheit des Auftretens fand, und sagte aufatmend, es gehe ihm schon lange nach, daß wir uns so ganz fremd geworden seien. Er habe immer noch eine Vorliebe für mich behalten, und es sei ihm leid genug gewesen, daß es damals so gegangen sei. Indessen müsse man es nehmen, wie es komme. Er redete ein wenig um den heißen Brei herum, wie man sagt, da er nicht wußte, ob er bei mir die vergangenen Dinge kecklich berühren dürfe, und noch in der Meinung lebte, ich sei, in großer Liebe zu seiner Nichte stehend, grausam enttäuscht und geschlagen gewesen, was ja auch, freilich in einer andern Richtung, der Fall war. Da er nun sah, daß ich unverheiratet war, mußte er meinen, ich habe noch an der unverwundenen Liebe zu Eleonore zu tragen, und war froh, als ich möglichst gleichgültig sagte, er solle sich nicht kümmern, es sei für mich ganz gut ausgefallen. (Denn meine eigensten Kümmernisse rieb ich ihm nicht unter die Nase.)
Ich erzählte ihm, um doch irgendwie zu zeigen, daß ich auch ohne das Haus Hagenau fortbestehe, von einer großen Bücherauktion im Hause eines bekannten Gelehrten und Sammlers, aus der ich seltene und fast verschollene Werke in Menge erstanden habe, um die sich nun wiederum die Liebhaber stritten, und ließ ihn überhaupt merken, daß ich bei den Guten und Verständigen etwas gelte und ein Geschäft wohl zu führen wisse, auch wenn es Ansprüche an nicht ganz gewöhnliche Tüchtigkeit mache.
Dabei hatte nun mein alter Adam wieder einmal sein Vergnügen, das ich ihm aber diesmal nicht untersagte, weil mir immerhin das Herz etwas unruhig klopfte in Erinnerung an die schlechte Figur, die ich zum Schlusse im Hause Hagenau gemacht hatte und ich eine kleine Aufmunterung mir schon gönnen mochte. Der alte Herr taute ganz auf, als er mich so wohlbestallt vorfand, und erzählte nun auch von seinen heimischen Verhältnissen. Er hatte sich jetzt doch entschlossen, das alte Vätererbe zu verkaufen, da ihm sein so wohlausgedachter Plan zwischen den Fingern zerronnen war, und erlebte nun die langersehnten Freiheits- und Reisejahre mit immerhin noch einigem Jugendmut, wie ich an der Beschreibung der und jener Genüsse merkte, die er sich unterwegs gönnte. Die Nichte, auf die er nun doch auch zu sprechen kam, hatte vor einem halben Jahr ihren Doktor geheiratet, der sich umgetan habe, selber etwas Rechtes zu leisten, und aber freilich dennoch nichts dagegen hatte, daß ihm die Frau einen ordentlichen Batzen zubrachte, wie Herr Kasimir pfiffig lächelnd sagte, durchblicken lassend, daß er als Onkel das Seinige getan habe, da die Leutchen es nicht so einfach gewöhnt seien, was ich ja gut genug wußte. Ich war froh genug, daß die Rechnung, an der ich doch immerhin auch beteiligt gewesen war, noch so glatt aufgegangen war, und nahm den Dämpfer, den mir der alte Herr ganz naiv und gedankenlos aufsetzte, mit in den Kauf. Er machte nämlich, ohne es besonders auszusprechen, gar kein Hehl daraus, daß er mich nur als einen Faktor in eben dieser Rechnung zum zweitenmal in sein Haus gerufen habe, und daß, als sie nicht stimmte, auch ferner mein Dabeisein nicht mehr in Betracht gekommen sei. Es stach und reizte mich noch eine Weile, als er wieder gegangen war, denn ich mußte mir schwere Gedanken darüber machen, was mich der Versuch gekostet habe. Aber ich war doch schon so weit genesen, daß ich den Brigittenspruch, den ich als meinen eigenen Wahlspruch ansehen gelernt hatte, auch jetzt anzuwenden die Kraft hatte, und so eine der vielen Gelegenheiten, aufs neue in Trübsinn zu verfallen, vorübergehen ließ. Vielmehr lösten sich in mir die alten Reste der Beklemmung, die ich in Ansehung des Hauses Hagenau noch herumgetragen hatte, wie alte Schneereste, die immer noch an schattigen Plätzen liegen geblieben sind, wenn es ringsum längst grünt, und die nun endlich auch von linden Frühjahrslüften aufgetrunken werden.
Bald darauf tat mir meine Schwester Luise den Schmerz an, daß sie sich hinlegte und starb. Sie war mir in der Zeit meines Tiefstandes und meines sachten Aufstiegs so sehr zur Freundin und zur Genossin meiner Gedanken, Wünsche und Hoffnungen geworden, daß ich zuerst wie betäubt war, als sich ihre Krankheit, die am Anfang harmlos ausgesehen hatte, plötzlich zum Schlimmen wendete. Ich glaubte verlangen zu können, daß sie mir bleibe, da ich ja sonst nichts hatte, was ganz nah zu mir gehörte. Denn bei Helene kam begreiflicherweise zuerst der eigene Familienkreis, der stetig am Wachsen war, so treulich sie auch ihren Geschwistern anhing.
Luise aber hatte nichts Eigenes; ich war ihr das Wichtigste in ihrem Leben, und sie war nur glücklich, daß ich in ihrer Nähe sei und sie zusehen könne, wie ich allmählich das erreiche, was sie für mich wünsche. Sie heimste alles, was ich etwa an guten Beziehungen, bürgerlichem Ansehen und an gedeihlichem Fortkommen gewann, emsig ein und baute in Gedanken Häuser für mich darauf, da sie merkwürdigerweise gar nichts für sich verlangte außer ihrer fleißigen Arbeit und vielleicht der Aussicht auf einen ruhigen Lebensabend, umgeben von einer aufsprossenden Jugend aus dem Blute ihrer Geschwister, die sie dann in Ehren halten würde, und der sie mit schönen Sparpfennigen zum Fortkommen hülfe, falls sie dessen überhaupt bedürfe. Aber nun lag sie krank im Spital und sah ihr Ende herankommen. Man hatte sie operiert, um einem innerlichen Feind, der in ihrem stattlichen, blühenden Leibe sein Unwesen trieb, das Handwerk zu legen, aber er trieb es fort, und sie wußte wohl, daß er sich nicht aus dem Feld schlagen lasse, da sie etliche Fälle aus der ferneren Familie anzuführen wußte, in denen auch das Leben auf solche Weise unterlegen war.
Es ging ihr nahe, daß sie mitten aus der Bahn weg sollte, denn sie hing, wie alle gesunden und natürlichen Menschen, am Dasein, das für sie, nach dem Rezept des alten Sängers, köstlich gewesen war, indem es Mühe und Arbeit war. Als sie aber sah, daß ich ohne Fassung mich gegen ihr Scheiden auflehnte und Gott beschwor, sie mir noch zu lassen, da ich viel an ihr hereinzubringen habe, was Zeit brauche und nicht in kurzem abzumachen sei, nahm sie wieder die Führung an sich und sagte, glücklich lächelnd, weil ihr mein unverhehlter Schmerz dennoch wohl tat, aber fest: „Nein, nein, Ludwig, so machen wir's nicht, sonst sind wir erst recht unten durch. Sondern wer sich schicken kann, gewinnt das Spiel und stellt sich auf die stärkere Seite, und so wollen wir auch tun.“ Damit war sie mir nun wieder einen Schritt voraus und weit überlegen, und ich konnte nichts tun, als mein ungebärdiges Wehren beiseite lassen, da es hier nicht am Platze war.
In dieser Zeit mußte ich einmal eine dringende Geschäftsreise nach der Hauptstadt unseres Landes machen. Ich ging ungern genug, denn ich konnte nicht am selben Tage wiederkommen, und als es Abend wurde, befiel mich eine Unruhe, die ich mir dahin erklärte, es sei daheim etwas Übles vorgefallen, so daß ich rasch an den Bahnhof ging, um zu sehen, ob ich nicht doch den letzten Zug erreichen könne, so stark lebte ich damals mit meinen Gedanken in dem engen Krankenstüblein. Der Zug war aber schon fort, und weil ich nicht den ganzen Abend im Wirtshaus versitzen mochte, betrat ich eine Konzerthalle, an der ich gerade vorbeikam, ohne zu wissen, was für Musik es gebe. Da fand sich's nun, daß von einem kleinen Orchester jene Symphonie aufgeführt wurde, die ich am ersten Abend des Musikfestes gehört hatte, an dem ich Maidi wiedersah, und die mir seitdem nicht wieder begegnet war. Sie erregte mich aber nicht, wie damals, zu starken Wonnen und Schmerzen, sondern ich saß mit geneigtem Kopf still horchend da und fühlte, wie meine Unruhe in ein stilles Gleiten kam und wie mein Herz, das traurig in mir lag, von eiligen Wellen aufgehoben und getragen wurde, die sangen: „Alles geht vorüber, und auch du.“