„Und du?“ fragte Olbrich fast zart.

Aber ich wußte im Augenblick nichts zu sagen, denn ich hatte wohl schon einen Schimmer, er hatte aber noch keinen Namen, und ich hob nur mein Glas und sagte halb verlegen: „Ich komme nach.“

Das alles erzählte ich am andern Abend meiner Schwester Luise, zu der ich von der Bahn her ging mit raschen Schritten und mit dem Verlangen, sie in allem zu mir hineinsehen zu lassen, so lang ihre guten Augen noch offen standen über meinem Leben. Es war nicht mehr lang, das sah ich wohl, und es war mir, als habe sie seit vorgestern wieder abgenommen, so daß es mich reuen wollte, fort gewesen zu sein, was mich doch um Olbrichs willen freuen mußte und auch freute. Sie streichelte mich aber mit ihrer feinen, weißen Krankenhand und sagte glücklich, es sei ihr ein Stein vom Herzen, weil wir Freunde uns nun wieder hätten. So sehr hatte sie meine Sachen zu den ihrigen gemacht, denn ihre eigenen waren bald beschickt.

Ich mußte die Tage über im Geschäft sein, wenigstens die meiste Zeit; aber die Abende und oft bis tief in die Nacht war ich bei ihr und begleitete sie näher und näher gegen die Grenze hin, an der es für die Zurückbleibenden umkehren heißt.

Auf diesem dunklen und bitteren Weg habe ich dennoch viel gesehen und auch viel gelernt, das man nicht aus Büchern und nicht aus dem Umgang mit den Klugen dieser Welt lernen kann, und das ich nicht vergessen werde.

Ich habe gesehen, daß es Liebe gibt, die bis zum Ende nicht an sich selber denkt und noch aus der letzten Not hilfreich dem andern zunickt, tröstlich und verheißungsvoll, weil das Allerlebendigste eben sie selber ist, die nicht stirbt. Und ich habe gesehen, wie stark und mächtig die Willigen sind, die keine Bedingungen stellen, sondern ja sagen, und mit Vertrauen dem dunklen Gott in die Augen sehen, wenn er ihnen zum Mitkommen winkt, so daß sie den schweren Feind überwinden mit einem demütigen Neigen ihres Hauptes und ihn sich zum Freunde machen. Ich sah, wie, wer von Herzen gelebt hat, auch von Herzen sterben kann, und wie Glauben und Frommsein freudige, starke Dinge sind, anders als viele meinen, und als auch ich zuzeiten gemeint habe.

Das alles ist mir nicht nur ein ernstes und wertes Andenken und ein reiches Blatt in dem Buche meiner Erinnerung, das so manche töricht verkritzelte Seite hat, sondern es schwingt ein Ton davon je und je in meine jetzigen Tage herein, voll und dunkel und auch weich und süß, und wenn ich ihn höre, so sänftigt er mir das Herz und läßt es aufmerken auf das, was hinter den Tagesdingen liegt, in denen ich ja freilich mitten drin stehe. Denn mein Lebenstag liegt noch weit vor mir, nach Menschenrechnung, und ich will ihn leben als ein Mensch und Mann.

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