Ich habe, liebste Frau, in später Nachtstunde das Buch noch einmal durchgelesen, dessen Blätter zu beschreiben ich aufgehört habe, als du in mein Leben tratest. Du wußtest nicht, daß ich dich sah. Du kamest die Straße herab, die Hände voll Blumen, und dein Gesicht sah aus, als ob du im stillen ein Liedchen summest, das nur du selber hörest. Da dachte ich, wer dir wohl die Blumen gegeben habe und wem du sie bringest? Am andern Tag hingen Kinder an deinen beiden Seiten und drängten sich an dich, und ihre Gesichter sahen eifrig in das deine; ich hätte hören mögen, was du zu ihnen sagtest, aber ihr ginget vorüber. Von da an kamst du jeden Tag und hattest immer Blumen und Kinder mit dir und immer ungesungene Lieder auf den Lippen. Das war in der Zeit, als meine Schwester Luise sich zum Sterben anschickte und zu mir sagte: „Gelt, du machst aber die Augen auf und holst dir ein Stück Leben ins Haus, es geht immer draußen vorbei.“ Sie wußte nichts von dir. Das Stimmlein aber, von dem ich schrieb, daß es so vorwitzig und ungebärdig geredet habe, rief in die Trauer meines Herzens hinein: „O, wie wahr ist doch das! Und wie freudig sieht es aus!“ so daß es mich in aller Betrübnis ein bißchen lächerte, worauf Luise der Spur nach mitlachte, wenn auch bläßlich, da es sich bei ihr nicht mehr gut tun lassen wollte. Und so hast du noch in ihren Abschied hinein geblinkert, du Sonnenvöglein, denn es dauerte da nicht mehr lange bei ihr.
Ich muß mir noch ein wenig Mut machen, weil du nicht selber da bist. Ich will daran denken, wie ich dich draußen am Badeplatz traf mit deiner Schar. Sie stob aus dem Wasser, als du riefest, und es sprühte ein Tropfenregen um sie her von den nassen Mähnen und den blanken Leibern, das glitzerte alles in der Sonne, und ein jedes wollte zuerst bei dir sein. Ich sah eine Weile zu, eh' ich vorbei ging und grüßte. Sie wühlten sich in den warmen Sand ein, und du sollest dich mitten hineinsetzen, aber du konntest noch nicht, denn es stand ein Kind neben draußen, das riß mit finsterem und trotzigem Gesicht Blätter und Zweige von einem Weidenbusch und stampfte dazu mit den braunen Füßen den Boden. Da gingest du hin und hattest ein solches Lachen in deinem Gesicht, daß das Zornteufelchen davor ausfuhr, wenngleich mit erbärmlichem Wehren, und das Kind sich an dich hin verkroch. Ich hätte hören mögen, was du sagtest, aber auch vom Sehen wußte ich, daß du Schatten aufhellen kannst.
Das weiß ich nun noch besser als damals, denn ich habe die Sonnenkraft deines Wesens verspürt. Du sagst, du habest sie nicht immer gehabt, und dein Lachen sei ein wieder erworbenes, denn auch du seiest durch tiefe Schatten gegangen.
Daran habe ich den Mut gefaßt, dich auch in die meinigen hineinsehen zu lassen, dich allein von allen Menschen. Du siehst, sie herrschen auch über mich nicht mehr.
Wie hast du wohl den Weg zum Hellen hin gefunden?
Aus was für Quellen hast du getrunken?
Ich meine, ich wisse sie. Wenn es so kommt, wie ich hoffen muß, daß du die Neunundneunzig verlässest und mein Leben teilst, so trinken wir miteinander daraus.
Anmerkungen zur Transkription
[Seite 40]: „eh, man sich's versehe“ wurde geändert in „eh' man sich's versehe“
[Seite 83]: „und sie ist erst sachte“ wurde geändert in „und sie erst sachte“
[Seite 120]: „mir wohlgesinnt und zugetan sein“ wurde geändert in „mir wohlgesinnt und zugetan sei“
[Seite 155]: „mit großen Augen entgegenlächelten“ wurde geändert in „mit großen Augen entgegenlächeln“
[Seite 162]: „ich nur zu tun“ wurde geändert in „ich hatte nur zu tun“
[Seite 192]: „Sängerinnnen“ wurde geändert in „Sängerinnen“
[Seite 198]: „So sind sie es also doch gewesen“ wurde geändert in „So sind Sie es also doch gewesen“
[Seite 211]: „werden ihre Künste verlassen“ wurde geändert in „werden Ihre Künste verlassen“
[Seite 245]: „nicht so gelegen dasür“ wurde geändert in „nicht so gelegen dafür“