Inhalt
| Seite | |
| Wanderschuhe | [1] |
| Ein Sommer | [59] |
| Aus Kindertagen | [109] |
| Ellen | [133] |
| Ein Vater | [187] |
| Sein Geburtstag | [223] |
Wanderschuhe
Novembernebel lag dicht und schwer auf der Erde; droben auf der rauhen Alb war es. Kaum daß man zwei, drei Schritte vor sich sah. »’s könnt’ Schnee kommen, Herr Pfarrer,« sagte der Ulmer Bote, der neben seinem schwergeladenen Wagen herging und prüfend in die Luft guckte. »Aber freilich, nichts Gewisses weiß man nicht.«
Der Pfarrer hatte einen Gast abgeholt, einen jüngeren Freund und Bundesbruder. Er selber war alt geworden im Amt, er war schon viele Jahre hier und mochte auch nicht mehr ans Wandern denken; er war verwachsen mit dem rauhen Stück Erde da oben und mit den Menschen, die auf ihm emporwuchsen.
»Ich hätte dir gern die Gegend in sonnigerem Lichte gezeigt,« sagte er zu dem Jüngeren. »Gestern noch wäre es schön gewesen, da hatten wir blauen Himmel und Sonne, die Wälder sind noch vielfarbig bunt, nun müssen wir uns im Hause einspinnen.« Dann saßen sie einander gegenüber in der großen Wohnstube. Ein gutes Feuer brannte in dem mächtigen eisernen Ofen, der von der Küche aus geheizt wurde. Draußen hantierte die alte Magd, die Pfarrfrau war verreist. »Großmutterpflichten,« sagte der Pfarrer lächelnd, »es ist das sechste Enkelkind, drunten im Unterland, wir werden immer reicher.«
Drüben auf dem Turm fing eine Glocke an zu läuten. Ernst und schwer drangen die Töne durch den Nebel; oder schien es dem Gast nur so? »Ich muß dich nachher eine halbe Stunde lang allein lassen, du magst dich so lang an meinen Bücherschränken umsehen, die sind dir doch schon längst im Sinne. Es ist eine Beerdigung – und sonderbar genug ist der Fall, ich erzähle dir nachher davon, da du doch auf Geschichten erpicht bist. Nein, nein, laß nur, das wissen wir noch von früher her. Und im Grunde, was ist uns auch näher, als der andern Menschen Geschichte, Lust und Leid, Arbeit, Liebe und Tod?«
Der Gast nickte. So war der Pfarrer immer gewesen; unter allen Interessen waren ihm die, die des Menschen Schicksale betrafen, am nächsten gestanden. So war er warmen Herzens ein Vater seiner Gemeinde geworden, ihn konnte man wohl so nennen, es war keine Phrase.
Nun läuteten die Glocken zusammen. Draußen der Nebel war dicht und dichter geworden. Der Gast stand am Fenster, das auf den Kirchhof ging und sah, wie sich die Schulkinder mit dem Lehrer um einen aufgeworfenen Hügel versammelten, und wie ein kleiner Leichenzug zu dem unteren Tor herein kam, wie sich der Pfarrer zu ihm gesellte und wie der Sarg, auf dem ein einziger Kranz lag, niedergestellt wurde. Ein Mann mit einem kleinen Bübchen auf dem Arm stand zunächst des Sarges; das mußte der Hauptleidtragende sein. Das alles sah der Gast nur in schattenhaften Umrissen, es war alles dicht eingehüllt in den Nebel, und aus dem Nebel heraus drangen auch dünn und wie verschwommen die Stimmen der singenden Kinder, dann die tiefe Stimme des Pfarrers. In der Stube war es heimelich warm und die Bücherschränke übten ihre Anziehungskraft aus; bald saß der Gast mit einer seltenen Ausgabe der Aeneide im Sofa, aus deren altertümlichen Kupfern er erst den Blick wieder erhob, als der alte Pfarrer vor ihm stand.