Der kurze Novembertag ging schon stark zur Neige, und, als müßte es so sein, fielen nun weich und lautlos die Schneeflocken vom Himmel und legten sich auf das neue Grab da draußen, in dem ein unruhiges Menschenherz war zur Ruhe gelegt worden.
»Nein, kein Licht, Ursel,« sagte der Pfarrer, als die alte Magd mit der Lampe erschien, »wir wollen im Dämmer sitzen und uns Geschichten erzählen.« Dann, als die Pfeifen brannten, fing er an: »Es war so ein Tag wie heut, das ist nun drei Jahre her. Ich weiß es wohl noch. Wir hatten die beiden ältesten Enkelkinder da, die spielten um den Tisch herum und jauchzten laut, daß es meiner Frau und mir zumute war, als kämen die alten Zeiten noch einmal herauf, wo unsere Eigenen so herumtollten.
Über dem ging die Tür auf; wir hatten ein leises Klopfen überhört, und in dem Rahmen stand ein junges Zigeunerweib. Ursel war an den Brunnen gegangen und hatte die Haustür solange offen gelassen, so war die Fremde unberufen bis in die Wohnstube gekommen. Die Kinder verstummten in ihrem Jubel und hingen sich meiner Frau an das Kleid. Ich habe schon viele aus diesem fahrenden Volke gesehen, Siegfried, es hat immer mein Herz bewegt, daß sie sind wie die Wanderschwalben, immer mit dem Trieb in die Ferne, und doch mit der Sehnsucht nach einer Heimat. Aber die hier stand und bittend die Hand ausreckte, die war so das Urbild eines Mädchens aus der Fremde, ein blütenjunges Weib, dem in dem bräunlichen Gesicht Lippen und Wangen in einem matten Rot leuchteten und dem aus dem bläulichen Weiß die Augensterne in einem feuchten, goldenen Braun hervorglänzten, die noch schlanke, junge Gestalt in ärmliche, doch etwas phantastische Gewänder gehüllt. Ich weiß das noch so genau, denn dieses junge Weib ist hernachmals noch oft in meinen Weg getreten und immer sah ich an ihr das Fremdartige, das sich in die Ferne sehnte und doch aus der Ferne wieder zurückstrebte, das Rätsel der Menschenseele, die ein Zuhause sucht durch alle Welt hindurch.
Für jetzt bat sie nur in fremdartig klingender Sprache um etwas alte Leinwand und Bettzeug, da in dem Wagen draußen vor dem Dorf, da, wo es hart an den Wald anstößt, ein Kind zur Welt geboren sei, und nichts vorhanden, es einzuwickeln. Meine Frau ging, unter mütterlichem Schelten über den Leichtsinn, solch ein junges Wesen in die Tür zu dieser Welt treten zu lassen, eh’ ihm ein Bett bereitet sei, um einiges, was ihr das Herz eingab, zusammenzusuchen. Da, während ich diese und jene Frage an die Wandernde stellte, beugte sie sich plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Trieb geheißen, zu dem kleinen Mädchen nieder, das sie mit großen Augen ansah, und strich ihm mit einer sachten, weichen Bewegung über das Blondhaar, irgend etwas Zärtliches in fremder Sprache murmelnd. Und sonderbar, das Kind, das sonst scheu sich vor Unbekannten zurückzieht, faßte von dem Augenblick an eine Zuneigung, eine fast leidenschaftliche Liebe zu der Fremden. Das ist nachher – doch ich greife voraus – noch andern so gegangen. Es war ein paar Tage später. Da brachte unsere Ursel eine fast unbegreifliche Kunde mit ins Haus, die im Dorf die Zungen und die Gemüter stark in Bewegung brachte und die auch uns, ich muß es gestehen, nicht ohne einige Aufregung ließ.
Draußen, am südlichen Ende des Dorfes – du hast vielleicht beim Hereinfahren das stattliche Giebelhaus mit dem gebräunten Balkenwerk gesehen – wohnte damals ein Junggeselle, von dem man allmählich die Meinung gewonnen hatte, daß er es bleiben würde, ein begüterter Bauer, der sich den Vierzigern näherte, und, seit ihm seine alte Mutter gestorben war, allein mit einer halbtauben Magd in seinem großen Anwesen hauste. Der sollte, so ging nun die Sage, mit der schönen Zigeunerin versprochen sein und sie zur Bäurin machen wollen. Ich konnte es nicht glauben, aus allerlei Gründen nicht. Aber am selben Abend noch, als ich schon in meiner Studierstube bei der Lampe saß, klopfte es an meiner Tür und der Bauer erschien, den weichen Filz etwas verlegen in den Händen drehend, und doch die sonst etwas trockenen Züge des hartgeschnittenen Gesichts von einem inwendigen Licht überglänzt. Ich habe dieses Licht schon je zuweilen auf Menschengesichtern leuchten sehen, und wenn ich es sah, ist es mir immer schwer gefallen, etwas dagegen zu sagen und es hat auch nie viel geholfen. Denn was ist die menschliche Vernunft gegen die geheimnisvolle Macht, die über alles hinüber die Menschen zueinander zieht? Nun, es war richtig so, wie die Ursel es ins Haus getragen hatte. Der Bauer saß mir gegenüber, und als er dann Worte gefunden hatte, da kam die Geschichte zutage. Du weißt, wir stehen gut miteinander, meine Pfarrkinder und ich, sie sind nicht scheu gegen mich.
Er hat es vielleicht nicht mit den gleichen Worten gesagt, aber so ungefähr war es doch: als er an jenem düsteren Nebelabend hinausging, die schweren Holzläden an den Wohnstubenfenstern vorzulegen, da stand, wie aus der Erde gewachsen, die Fremde vor ihm. Sie bat um etwas Milch für die Wöchnerin; man konnte von dort aus das flackernde Feuer, über dem der Kessel hing, vor dem Wagen der fahrenden Leute, durch den Nebel sehen. Der Bauer, er heißt Markus Lohrmann, hieß sie ins Haus kommen und führte sie unter das Licht der hängenden Ampel in der großen Stube, wo in einer Ecke die alte Burge saß und spann. Er war von jeher so ein wenig anders, als die meisten Leute im Ort, er gab sich auch mit Bücherlesen ab und hat schon manchen Band von mir geliehen, hat auch eine stattliche Bücherreihe auf dem Brett über dem Sofa stehen. Die alte Burge sah wohl etwas unwillig drein: die Zigeunerin hätt’ auch draußen warten können, was wollte sie hier in der Stube? Aber sie stand doch auf und ging in die Milchkammer, die hinter der Küche lag, um nach einer Weile mit dem gefüllten Gefäß des Mädchens wiederzukommen. Was derweil drinnen in der Stube geschehen war, wußte wohl keines von allen dreien zu sagen; aber es war doch so, daß aus den jungen, seltsam-schönen Augen der Fremden und aus ihrem ganzen Gesicht und Wesen der rätselhafte, zündende Funke auf den Mann übergesprungen war, der seither von den Mädchen im Dorf für einen hagebüchenen Einspänner hatte gehalten werden müssen. Burge mußte sich fast zu Tode wundern, daß nach dem Abendessen der Bauer, der sonst um diese Zeit sich über eines seiner nachdenklichen Bücher zu beugen pflegte, noch einmal seine Kappe aufsetzte und in den dicken Nebel hinausging. Sie blieb, als sie mit den Abendgeschäften fertig war, hinter dem Spinnrad sitzen und mag da wohl über dem Warten eingenickt sein, denn sie fuhr erschrocken empor, als ihr mit einemmal der Bauer die Hand auf die Achsel legte: »Warum gehst du nicht ins Bett, Burge? Es hat elf Uhr geschlagen, du solltest längst drinnen sein.«
Ihm selber hingen im Haar und in dem dunkelblonden, dünnen Schnurrbart die feuchten Nebel, die sich zu kleinen Tropfen sammelten. Er war stundenlang umher gelaufen, um eine Unruhe los zu werden, die er selber nicht an sich kannte, aber sie war nur größer geworden. Freilich, er hatte sie auch im Umkreis des flackernden Feuers herumgetragen, anstatt weit hinaus zu laufen über die Felder hin oder ins Dorf hinein. Aus dem Wagen war Zitherklang gekommen und Gesang einer Frauenstimme; eine fremdartig-sehnsüchtige Melodie kam zu ihm herüber, die Worte konnte er nicht verstehen. Dann, als eine Weile alles still war, glaubte er das Weinen eines Kindes, ein dünnes, hohes Stimmlein zu hören. Aber es wurde durch Männerstimmen und dann wieder durch ein Hundegekläff abgelöst. Am andern Morgen erschien das Mädchen wieder mit dem Milchgefäß, gerade zu der Zeit, als Burge im Stall auf dem Melkstuhl saß und der Bauer die beiden Taglöhner, die bei ihm schafften, anwies, ihm nur voraus auf den Rübenacker zu gehen.
Und da geschah das Merkwürdige, daß der große schottische Schäferhund des Bauern, der in der Stube auf einer alten Strohdecke lag, winselnd zu der Zigeunerin herrutschte und ihr seine eiternde Vorderpfote zeigte, wie ein Kind, das fragt: Kannst du mir nicht helfen? Sie aber beugte sich, wie sie es bei unserem Enkelkind getan hatte, nun zu dem Tier herunter, das sie mit großen, ausdrucksvollen Augen ansah, strich ihm sachte und lind über das Fell mehrere Male und fing dann an, die kranke Pfote zu bestreichen. Das alles tat sie nur mit einigen leisen, halbsingenden Tönen, – su su – sie schien den Bauer dabei vergessen zu haben. Und, nun magst du darüber sagen, was du willst, aber der Hund, der schon seit Wochen auf dem Stroh gelegen, der stand doch, als das Mädchen gegangen war, auf, und kratzte bellend an der Tür; er wollte ihr nach, und seinem Herrn erging es nicht anders. Die Pfote soll auch noch denselbigen Tag geheilt sein. – Der Pfarrer blies nachdenklich einige leichte Wölkchen aus seiner Pfeife, als wollte er in den krausen Gebilden, die sich im Dämmerschein ergaben, eine Lösung suchen für das Rätselhafte, das mitunter in unser Leben tritt in allerlei Gestalten. – Dann fuhr er fort: früher hat man Hexen verbrannt, heute nennt man es Sympathie. Aber wir wollen nicht zu den Alleswissern gehören, Siegfried. Es ist so viel Wunderbares rings um uns herum, was hilft es uns, daß wir ein Wort dafür suchen? Es liegt doch hinter unserem Horizont, wenigstens jetzt noch. –
Aber ich habe ja nur zu berichten, nicht zu erklären, sagte er lächelnd. Markus Lohrmann war es, als habe dieselbe leichte Hand, die vor seinen Augen den Hund gestreichelt hatte, auch ihm selber Stirn und Augen berührt und dort allerlei weggetan, was ihm bisher das Leben verhüllt hatte: er sah, daß die alte Burge doch bei all’ ihrer grämlichen Treue nicht das für ihn sei, was er zum Leben brauche; daß seine Stube öd sei und sein Tagwerken niemand nütze. Und er fing an, sich zu wundern, daß nie eine von den Dorfmädchen so in seinen Augenkreis getreten sei, daß er sich, wie bei der Wandernden, immerfort herzklopfend nach ihr hatte hinwenden müssen. Wie oft hatte man ihm früher das Heiraten vergeblich vorgestellt; aber dies hier war doch ein anderes Ding.
Und daß ich’s kurz mache; nachdem er sich den einen und andern Tag umsonst damit herumgequält hatte, die schöne Fremde aus seinem Denken und Fühlen auszuschließen, ging er ihr nach, als sie dort am Waldrand dürres Holz aufzusammeln beschäftigt war und fragte in stockenden Worten, ob sie denn nicht bei ihm bleiben könne, nun die andern, die im Wagen dort, weiterzögen. »Als deine Magd?« fragte sie und richtete sich auf. Es sei ein seltsames Glänzen dabei in ihren Augen gelegen, – doch das lag ja eigentlich allezeit darin – so als wenn die Königstöchter in den Märchen für eine Zeitlang in Lumpen gehen müssen, weil ihnen ein Zauberer das angetan hat, und nun doch ein Eckchen des goldenen Kleides darunter hervorguckt.