Da faßte sich der Bauer ein Herz; er mag wohl in den wenigen Sekunden, die es dauerte, seine ehrsame Verwandtschaft im Dorf überflogen haben und die Gesichter, die sie machen würden, wenn er ihnen die Zigeunerin zuführte, und das Gesicht der Burge, wenn sie die neue Bäuerin sähe. Aber das konnte alles nichts helfen, denn wenn er dachte, daß Mirza wieder aus seinem Leben entschwinden würde und er sie nie mehr sähe, dann tat ihm etwas im Innersten weh, wie noch nichts in seinem Leben.
Also atmete er tief auf und sagte: »nein, als mein Weib, denn –« da wußte er nicht mehr weiter und sah sie nur hilflos an; aber als sie wie in ausbrechender Freude das gesammelte Holz aus der Schürze fallen ließ und die Arme hoch in die Luft hob, da wagte ers und legte zaghaft den einen Arm und dann auch den andern um sie.
Sie hatte sich immer, wenn sie durch die Städte und Dörfer kamen, nach einer Heimat gesehnt, nach einem Dach, unter dem man wohnen und bleiben konnte; ob auch nach einem Herzen, das ihr allein gehöre, das weiß ich nicht.
»Der Jarno ist gestorben,« sagte sie; »er hat mich gewollt und ich hätte ihn auch nehmen müssen. Aber er war so wild und ich kann das nicht leiden.« Sie sah ihn aufmerksam an, als müsse ihr aus dem minutenlangen Sehen ein Wissen um des Freiers ganzes Wesen erwachsen. »Du bist gut,« sagte sie dann kopfnickend, »ich habe es gleich gesehen, daß du gut bist. Nun kommt der Winter und es wird kalt; ja, ich will bei dir bleiben.« Das alles sagte sie wie aus Träumen heraus; sie ließ es aber geschehen, daß er sie fester an sich zog. Mehr hat er mir nicht davon erzählen wollen; ich mußte es aus seinem freudig aufgewachten Wesen lesen, daß für ihn mit Mirza, – denn wir nannten sie bald alle so – wirklich die Zeit angebrochen war, da man aus dem Alleinsein für sich in das Alleinsein zu Zweien übergegangen ist.«
»Aber,« der Gast rückte etwas unruhig in seiner Sofaecke hin und her, – »du als Pfarrer, ich meine, es hätte da doch« –
Sein freundlicher Wirt unterbrach ihn. »Kommt schon, Siegfried, ich weiß, du meinst, ich hätte da nachsehen müssen, wie es mit dem Katechismus und mit der Moral und dem Vorleben bestellt gewesen sei. Das haben andere mich auch gefragt; ich weiß, ich bin dazu bestellt, daß alles ordentlich und recht zugehe in meiner Herde.
Aber siehst du, manche Menschen haben es auf dem Gesicht geschrieben, was sie sind. Da haben Gott oder die Natur oder wie du es nennen willst, etwas gemacht, das für sich selber redet. – Wir hatten in meinem väterlichen Garten ganz hinten in der Ecke einen Schutthaufen, auf den alles Abgängige geworfen wurde. Es wuchsen Nesseln darauf, auch manchmal ein Stechapfel oder eine Distel. Aber eines Tages standen weiße Lilien darauf. Weiße Lilien, hoch und schlank und mit den goldenen Staubfäden in dem Grunde der weißen Kelche. Und wir versammelten uns alle darum und staunten, und mein Vetter, der Apotheker, sagte, daß das eigentlich gar keine richtigen Lilien sein könnten, denn die wüchsen nur, wenn man sie pflanze und pflege. Aber da lachten Alle, denn es waren unzweifelhaft weiße Lilien und man wußte nur nicht, wie der Samen, oder eine Zwiebel davon unter die Komposterde gekommen sei; sonst war da keine Frage. – Nun,« er unterbrach sich, »ich wollte nicht sagen, daß Mirza eine weiße Lilie gewesen sei. Nur, etwas Besonderes unter ihresgleichen, das war sie schon. Und das andere fand sich auch noch. Markus Lohrmann hatte sie zu einer Base gebracht drüben im Filialdorf. Das war die einzige aus seiner Verwandtschaft, die er um solche Güte ansprechen konnte, wie es die war, eine Zigeunerin ins Haus zu nehmen. Sie war arm, und es war so mancher Sack mit Kartoffeln und mancher Brotlaib schon in ihr Häuslein gewandert im Lauf der Jahre.
Er hatte ihr Geld gegeben, daß sie die Fremde in landesübliche Gewänder kleide und sie hatte das auch getan. »Aber,« flüsterte sie dem Vetter zu, als er darauf kam, die Braut zu besuchen, »sie sieht trotzdem nicht aus, wie eine Bäurin, da magst du machen, was du willst.«
Nein, so sah sie ja freilich nicht aus. Als er in die niedrige Stube trat, erhob sich von der Bank, wo sie nähend gesessen hatte, eine Gestalt, die ihm vertraut und doch fremd war, in dem weiten, gefältelten Rock, der die Füße in blauen Strümpfen und niederen Lederschuhen freiließ, der breiten Bundschürze und dem Leibchen aus rot und blau gewürfeltem Zeug, aus dem die weißen Hemdärmel hervorkamen. Drüben auf dem Bett, dessen Vorhänge zurückgeschoben waren, lagen noch die weiteren Stücke der Ausrüstung, der tuchene Spenser und das breitbebänderte Spitzhäubchen der Älblerinnen. Also das war seine Bäurin, seine. Sie sah nicht aus wie die andern, sie war auch jetzt nur in einer Vermummung, wie sie es zuvor in den zusammengeschenkten Bettlerkleidern gewesen war. Aber sie sah ihn lächelnd an, mit freudigen Blicken, sie hatte sich das dunkle, weiche Haar gescheitelt und in zwei Zöpfe geflochten. Draußen sauste der Wind vorbei, die Fenster des Stübchens klirrten. Da erschauerte sie leise und barg sich bei ihm. »Ich habe nun Heimat und Haus und dich,« sagte sie, »wo aber mögen die andern sein?« Ihm aber war es recht, daß sie nichts von »den andern« wußte, er wollte nur sie allein und bei aller Liebe, mit der er sie umfaßte, die übrige Gesellschaft wußte er doch am liebsten in möglichst weiter Ferne. Sie hatte auch keine nahen Verwandten unter ihnen, ihre eigenen Leute waren gestorben.
Bald darauf kamen sie einmal miteinander zu mir; es war in der Abenddämmerung. Markus Lohrmann wollte so schnell als möglich Hochzeit machen und, da es doch einmal sein sollte, war es auch besser so, schon damit das Geschrei und Gezeter im Dorf aufhöre; denn das hatte er nicht mit Unrecht vorausgesehen, es war ihm nichts davon geschenkt worden.