Nun hatte ich mit ihnen zu reden, wie sie es mit dem Hausstand und mit der Trauung halten wollten. Denn er war evangelisch; Mirza aber gehörte, wenn man davon überhaupt reden konnte, der katholischen Kirche an. Freilich, sie wußte nicht viel von deren Lehren, nur einige stark abergläubisch vermischte Formeln, wie sie unter den fahrenden Leuten von Mund zu Mund gingen.

Ich hatte einiges gefragt und es war still in der Stube. Da sah sie mit hingebenden Augen ihren Verlobten an: »Du bist gut und ich will bei dir daheim sein – ja, ich will sein, wie du bist.«

Das war vielleicht ein mangelhafter Grund, auf dem die neue Gotteserkenntnis aufgebaut werden sollte. Aber ist nicht beim Besten in uns immer wieder das Verlangen nach einer Gemeinschaft, ist nicht die Liebe immer wieder die treibende Kraft gewesen?

Nun kamen manche Tage, da das fremde Mädchen, freilich jetzt in Bauerntracht und mit hängenden Zöpfen, mir gegenüber saß. Es war bald nicht mehr der Wunsch allein, so zu sein wie Markus Lohrmann, es war, als sprängen in dieser jungen Seele lauter Quellen auf, die bisher geschlafen hatten. Mitunter öffnete sie die Lippen, wie durstig, einen frischen Trunk einzuschlürfen, wenn ich sie an der Hand nahm, um sie aus dem dämmernden Halbdunkel, in dem Dämonen, Amulette, Alräunchen und allenfalls die fernen Heiligen regierten, unter den freien Himmelsdom zu führen, in dessen tiefem Blau eine Sonne über allen schien, und, wie wir in Ehrfurcht und Herzensmüssen glauben, ein Herz für alle war.

Ich habe nicht von mir zu reden. Sonst, Siegfried, es ist auch nicht nichts für unsereinen; wenn man Sonntag für Sonntag seine Bauern vor sich sitzen hat – nun, ich habe die meinigen gern – aber man weiß nicht sicher, denken sie nun an Korn und Haber und Viehhandel, oder an ihre Krauthäfen daheim die Weiber, oder hören sie, was du sagst.

Es ist auch nicht nichts, wenn so ein paar durstige braune Augen so dringlich fragen: »Hast du sonst noch etwas? gib mir alles, was du hast.«

In diesen Stunden stahl sich wohl mein Enkeltöchterchen leise zu uns herein und schlüpfte, die Augen auf mich gerichtet, ob ich es nicht verjagen werde, zur Mirza hin. Die faßte die kleine, warme Kinderhand, ohne sich im übrigen zu rühren, und das Kind saß glücklich dabei, wie ein Vögelein unter Flügeln sitzt.

Auch das nahm sein Ende. Eines Tags im Dezember standen die beiden, Markus Lohrmann und Mirza, vor dem Altar. Draußen wehte es stark, ein scharfer Nordostwind fegte durch die Gassen und über unsere Hochfläche hin, und ich, als mir bei den wenigen Schritten vom Hause bis zur Sakristei der Kirchenrock flatternd um die Beine schlug, mußte es nachsprechen, was ein anderer vor mir gesagt hat: »weh’ dem, der keine Heimat hat.«

Nun, die beiden, die sich in dieser Stunde die Hände gaben, die hatten ja nicht nur ein Dach über sich, sondern, was erst recht die Heimat macht, ein Herz, um darin daheim zu sein, ein jedes im andern. Zwar daß bei ihm die Leidenschaft stärker und tiefer war, als bei ihr, das hatte ich schon gesehen. Aber sie hatte sich doch hingebend und nicht ohne eine stille Innigkeit in ihn gefunden und wollte ihm allein gehören; das mußte genug sein. Seltsam, daß so die Rollen vertauscht waren: unsere Albbauern haben es sonst nicht so stark mit den Gefühlen, sie sind mehr aufs Nüchterne, Praktische gerichtet, und das fremde, dunkeläugige Volk der Zigeuner, das gilt bei uns eher für heißblütig und leicht hingerissen. Das war aber nun, wie es war.

Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang mehr aus den Augen; es war Winter und es gab allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte. Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in dem Hause mit den braunen Balken alles gut gehe, den Schwarzsehern und Unglücksraben, die alles Böse hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die alte Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der Himmel einstürzen müsse, ließ sich, als gegen den Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam, gern von den leichten und geschickten Händen des jungen Weibes pflegen, und mir war, als ich sie besuchte, als ob ihre grämlichen, harten Züge einen sanfteren Ausdruck gewonnen hätten.