Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit aller Macht bliesen und auf den höhergelegenen Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend vom Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft, es lag etwas frühlinghaftes trotz der Schärfe darin und ich blieb stehen, um – den Hut hatte ich abgenommen – ein paar tiefe Züge davon einzuatmen und mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen zu lassen. – »Du weißt, ich bin hart gewöhnt worden da oben,« unterbrach sich der Erzähler lächelnd, »ihr Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen geholt.«

Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine einzelne alte Eiche bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich stehen. Sie wandte mir den Rücken, sie sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im Westen, hingen einige leuchtende Wolken, denen die schon entschwundene Sonne schmale Purpursäume gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten ihre Form in rascher Folge, ballten sich zusammen und flossen auseinander, eine reichere Phantasie als die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten aus ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen. Das aber sah ich, daß die Frau da oben wie in einer starken Bewegung die Arme ausbreitete und so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann, als rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont verlöschten und es dort grau und trübe wurde, wandte sie sich langsam um und ging mit zögernden Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße führt, herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei. Wäre es eine Fremde gewesen, ich wäre weitergegangen. So blieb ich noch eine Weile stehen, um sie herankommen zu lassen. Sie sah mich erst, als sie fast vor mir stand. Ich aber sah, daß ihr Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer noch in die Ferne gingen, wie in einer großen Sehnsucht. Als sie mich gewahr wurde, schrak sie zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich ihr Gesicht langsam mit einer dunklen Röte, aber sie faßte sich schnell und streckte mir die bräunliche Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich wollte sie nicht fragen, was sie da draußen zu suchen gehabt habe bei sinkendem Tag; ich fragte nach ihrem Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder gesund war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus, da lässest du dich gar nicht mehr sehen, seit du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das Agathlein, du weißt es, ist das Enkelkind, das sich so schnell in die Fremde verguckt hatte.

Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort, aber doch wie eine, die nur mit Mühe dabei ist und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund immer noch etwas zu hüten, was er verschweigen mußte. So kamen wir selbzweit bis an das Haus, unter dessen Tür der Ehemann stand und nach seinem Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus und bot mir die Hand. »Ja, nicht wahr, Herr Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah, daß Mirza zusammenzuckte, sagte er mit einem guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und da verlüften. Aber wart nur, sei’s um kurze Zeit, so fängt draußen das Ackern an, da kannst du frische Luft haben, und Bewegung, grad genug. Und man hat einen weiten Umblick bei uns da oben.« Er lachte ein frohes Lachen: »Das ist dann doch anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und mit der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben. Dann, als zwinge sie etwas hinunter, atmete sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte sich an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen sie miteinander ins Haus und ich dachte: »Um die zwei brauchst du keine Sorge zu haben, die wachsen schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht ändern, daß mir hie und da wieder das sehnliche Gesicht vor die Seele trat, das ich da außen gesehen hatte. Da, es war schon gegen Ende April – auch bei uns, zu denen der Frühling erst spät kommt, knospeten die Hecken und standen die Veilchen im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus der Stadt mitgebracht. »Ja, ja,« sagte sie, als sie in der Küche saß und eine große Schüssel mit heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte, »ja, ja, so geht’s, wenn man etwas anderes will, als Seinesgleichen. Die Marie vom Adlerwirt, die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine saubere, postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine schwarze Zigeunerin sein müssen; aber wer nicht hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?« fragte ich. »O nichts, als daß der Lohrmann ja jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den Winter über durchgefüttert.«

Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr mich doch in jähem Schreck. Und, obgleich es Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig, nahm ich Stock und Hut und ging ans Ende des Dorfes, um zu sehen, was es mit der Sache auf sich habe.

Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich allerlei zu tun, aber ich sah doch auf den ersten Blick, daß seine Gedanken nicht beim Futterschneiden seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem eigenen, stillen Blick auf, darin nichts von der Frohheit der letzten Zeit lag, aber etwas anderes doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes. Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst, als er die Tür hinter sich geschlossen und mir einen Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich weiß wohl, warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s Ihnen. Aber wenn’s nach mir gegangen wäre, ich hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie können’s nur immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’, wenn irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die Burge hätt’ nichts gesagt, die auch nicht. Aber der Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern in der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem ganz kleinen Bündelein in der Hand Blaubeuren zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer, sie hat das rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem sie einst hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s erzählt, sie sei gegangen, wie auf Federn, so leicht, und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt wissen sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie. Denn sie kommt wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt wieder, sie kann es gar nicht anders. Es ist nur das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein wie in einen Spiegel.«

Und damit stieg ihm wieder etwas von der Freude in die Augen, als ob er sein Weib schon vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast du mich wieder.

»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es eigentlich ohne Not; denn ich sah es ja, wie er sie aufnehmen würde.

Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein heller Strahl. »Dann?« Er ballte gewaltsam die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen aufeinander, daß sie es nicht hinausschrieen, was dann sei; die Augen mußten es ganz allein sagen mit ihrem Leuchten. Und ich sagte und wandte mich wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein fertig: »ja, ja, Markus, die Liebe muß immer das letzte Wort behalten. Gott geb’s, daß sie es auch bei euch tue.«

»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so keine Freunde im Dorf; sie werden arg über sie herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist sie doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus Lohrmann das Geleite bis vor die Tür und schon als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine.

Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang machten in den Frühlingswald hinaus, meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns Haus vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte Burge am offenen Fenster. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß, aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns herbeikommen sah, winkte sie mächtig mit dem Kopf: »ich bin allein im Haus, der Bauer ist mit seinem Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat sehen.« Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken nach ihr hinwandten; fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse kommt immer schneller herum, als das Gute, aber heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz meiner dicken Ohren, daß etwas draußen am Laden herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund an und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich meine Röcke überwerfen kann, geht schon die Haustür und der Bauer tritt über die Schwelle. Geschlafen hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl. »Ich muß bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat er gesagt. Und als ich meinen Laden aufstoße, da steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als ob sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und er nimmt sie nur so an beiden Händen und sagt: »komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme verschlagen. Und er zieht sie so an den Händen ins Haus herein und läßt die Türe wieder ins Schloß fallen. Da müssen sie lang gestanden sein, denn erst nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür gehen hören. Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich bin ein alter Mensch und die Nächte sind kalt. Und es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei: Aber wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später, da hantierte die Frau schon in der Küche, und der Bauer steht dabei und guckt ihr zu, wie sie die Milch seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s eine Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast mit den Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und wie ich sag: »so, so, auch wieder da?« und daß wir in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen voll Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge, Burge, ihr hättet mich sollen nicht ins Haus nehmen, so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen, ich wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie den Bauern an, daß es mir altem Weib ganz siedheiß wird unter dem Kittel – haben müßt ihr mich jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann man nicht mehr ändern. Es ist eine Not.« Und dann schlüpft sie an ihn hin, wie ein Kind, wenn es Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen, aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen in die Stube und sagt: »mit einem siebenfachen Seil bind’ ich dich an, daß du mir nicht entlaufen kannst«, und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.«