Die alte Burge schüttelte den Kopf.

»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu sagen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei uns. Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen beiden nicht.« Und damit nahm das runzelige, trockene Gesicht einen Ausdruck an, den es noch nie gehabt hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen.

»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.« Meine Frau war in mütterlicher Wallung für die beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir haben’s alle nötig.«

Und damit setzten wir unseren Weg fort, und als wir von Weitem ein Menschenpaar Hand in Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen, bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir hatten nichts dabei zu tun.

Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf den Blaubeurer Felsen herumgestiegen sei und auch, unter einen überhangenden Stein geduckt, frierend dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer Liebe zu dem Mann, der sich selbst und sein Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte, umhergewandert sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit Leuten ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in heißem Schreck ins Herz gefahren, daß sie zu ihnen nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen bis vor die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht vergeblich dort geklopft, da die Liebe wach war und auf sie wartete.« – Der alte Pfarrer stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der Gast wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht auch die Versuchung, eine Nutzanwendung zu dem Gesagten zu machen, in sich unterdrückte; so saß er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus dem Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen Stubenboden; draußen war es dunkel. Ursel steckte den Kopf zur Tür herein.

»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht vom Neuen, von dem kleinen Fäßchen im Eck, alten roten. Und dann auch die Lampe.«

Nun kam der Hausherr wieder in Zug.

»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr er fort. »Sie ist noch hie und da, dem dunklen Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder zwei Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und immer wieder beim Sternenschein oder beim ersten Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie jedesmal mit der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und sie barg sich dann, wie in wachsender Angst vor sich selber, in seinen Armen. Ich sah aber doch hie und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags wie übersonnt vor Freude in mein Haus trat. »Er ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen Buben.« Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,« sagte ich und gab ihm die Hand, »nun wird ja auch die Mutter noch fester bei euch einwurzeln, als sie es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte der Bauer und wieder brach ein freudiger Strahl aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie an auf immer, der Bub und ich.«

Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen Herzens nicht lange widerstehen. Sie wußte es wohl, das fremde junge Weib hatte keine Freundinnen unter den Dorfweibern. Und wenn auch die alte Burge da draußen herumhantierte, – kurz, sie mußte hin und nach dem Rechten sehen.

Es war ein sonniger Märztag, als sie den Gang machte. Und als sie an den niedrigen Fenstern vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang ein leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza, die ihrem Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig süße Weise, wie deren die wandernden Leute so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug ausgesehen haben. Die junge Mutter hatte das Büblein an der Brust und der Vater stand, ein Schnitzmesser in der Hand, unter der Tür, die nach dem Stadel hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick der beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut beieinander auf den Kissen lagen. Denn das Kindlein hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar und die großen, glänzenden Augen der Mutter mit in die Welt hereingebracht.