»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal läuft er von allem Geschäft weg und guckt die zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen werden.«

Aber sie selber machte es nicht viel anders, das konnte man deutlich sehen. Sie versorgte Mirza und wickelte das Kind und besorgte den Hausstand. Es war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen hätte und ein junges Gesicht dazu. Das machte alles die Freude.

»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die Frauen meines Volkes – wenn ich denke, wie sie hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,« sie brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung auf sie zukam: »Dein Volk ist jetzt hier, Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.« Und sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und sagte: »ja, ja, das ist es. Aber ich kann’s nicht ändern, ich muß auch an die andern denken.« Und leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene Mäulchen küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein Kleiner. Er ist da geboren, wo er hingehört. Ihn wird es nicht in der Welt herumwerfen – und nicht hinausziehen mit aller Gewalt.«

»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun bleiben wir alle beieinander,« sagte der Mann, und es sei eine leise Angst und eine rührende Bitte in seinem Ton gelegen, sagte meine Frau.

Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr – ein Sommer und ein Winter und wieder ein Sommer, das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit. Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr; es war im Heuet; draußen an der großen Wiesenbreite gegen die Elchinger Markung hin gingen wir beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen war, und ich, selbander spazieren. Das heißt, das Agathlein hüpfte mir voraus, immer drei Schritte vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug an den Rainen, das nicht unter der Sense gefallen war. Und dazwischen hinein sah es sich um, ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber auf einmal, an einer Wegbiegung, – es stand eine Gruppe von Schlehdorngebüsch davor, tat das Kind einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus und rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo unter einem Vogelbeerbaum ein Häuflein Menschen saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so stark; da fand ich das Agathlein schon neben seiner Freundin Mirza auf dem moosigen Mäuerlein sitzen, das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von dem es fröhlich herunterbiß.

Das schwarzhaarige Büblein, das für seine viereinhalb Monate schon prächtig herangediehen war, das lag mit weitoffenen Guckaugen auf seiner Mutter Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die Reihe komme mit der Mahlzeit. Mirza war, wie Burge und wie der Mann und die beiden Taglöhner, in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch nichts als durch ihre fremdartige, dunkle Schönheit von einer echten Albbäurin. Aber das Sehnsüchtige, Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund, das war jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch eine weiche, mütterliche Freude an dem jungen Leben, das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie aufsah und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem Lächeln, wie es nur ein Mensch hat, dem es im Herzen wohl ist. Ich bin damals eine gute Vesperviertelstunde lang mit unter dem Eschenbaum gesessen und auf dem Heimweg war mir’s warm, nicht von der Sonne allein, auch nicht von dem Glas Bratbirnenmost, das ich nicht hatte ausschlagen wollen; so ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man Menschen, die man gern hat, genießen sieht, das wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, – das muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück. »Ich muß den Marx hüten, die Mirza muß wieder schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich mich einmal umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib, wie sie rüstig neben ihm mit dem Rechen hantierte; er aber konnte es nicht lassen, zwischenhinein seine Augen nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute Zeit.

Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält, war sie kurz.

Aber wie viele gehen über die Erde hin, die nie ein ganzes, volles Leuchten in sich gehabt haben, so eins, das durch dunkle Tage und Jahre hinscheint wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu denen gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er nun mit seinem Büblein in seinem Haus da draußen sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind wächst daher und sollte eine Mutter haben, – ich weiß, dann nimmt er es auf den Schoß und erzählt ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer lang sich dunkle Augen in den seinigen gespiegelt haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne, seltsame Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen hat, daß sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß einer lieben Frau geruht hat, die seine Mutter war.

Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht die Arme nach dem fernen Bild ausstrecken wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und er wird sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst ja ganz poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und dann räusperte er sich und nahm einen Schluck Wein.

Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte er, »das ist sonst meine Art nicht. Aber es ist mich so angekommen.