Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx zog schon sein hölzernes Gäulchen an einer Schnur hinter sich her und wackelte auf seinen anderthalbjährigen Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza eines Tags gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem sonnenheißen Tag unter der großen Linde, die nahe bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen. Sie hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt und zog es an sich, als ob sie friere. Und ihre Augen sahen müd und traurig aus.
»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte mich neben sie. »Du siehst nicht gut aus. Bist du krank?«
Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es sei unbegreiflich, und doch auch wieder nicht. Es kam und ging eine dunkle Röte auf ihrem Gesicht. Sie kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen, tat aber dann ein paar lange Atemzüge und strich sich mit der Hand übers Gesicht, wie um dort etwas wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt, Mirza, und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du wohl, daß ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber freilich, wenn man so einen guten Mann hat, wie du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte zu scherzen, aber eigentlich war es mir nicht recht um Spaß zu tun. Denn die Augen des Weibes neben mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine große, weite Ferne.
»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst, »mit denen muß der Mensch ganz allein ins reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und ich spürte, daß es bei ihr so sei.
So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem Bübchen zu schaffen und freute mich, daß, als ich weiterging, der kleine Bursch vor seiner Mutter auf dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr erhob, die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt verstand.
Einige Tage später hörten wir von der alten Burge, die in letzter Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit einer jungen Magd Platz gemacht hatte, aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging, wie ein Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein sollte geboren werden, vielleicht so gegen den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist nicht recht zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es nimmt mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder verhalten, darum braucht sie sich keine Sorgen zu machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht aus bei ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so unter dem Druck herumläuft. Sie hustet auch so viel, ich mein’ immer, der Mann solle den Doktor holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so flehentlich an mit ihren großen Augen, als ob sie sagen wollte: das, was mich krank macht, das ist nichts für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will, da kann unsereins nichts machen.« Meine Frau tröstete an der treuen Seele herum.
Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen, da müsse man nur warten und Geduld haben, mit dem neuen, jungen Leben werde auch der neue Lebensmut geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber es war doch auch uns beiden nicht recht wohl ums Herz, als wir in einer der nächsten Wochen bei einem Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf dem kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal hatte stehen sehen, damals im Vorfrühling. Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten; das schöne Gesicht war hager geworden und um die Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges Lächeln. Sie wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die Schwalben sammeln sich schon wieder zum Fortgehen. Ich hab ihnen zugesehen, man sieht so weit hinaus da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele die beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch ich hinausziehen in die große, uferlose Weite? Ich wollte nun doch auch einmal mit Markus Lohrmann reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl, daß er in Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe, und es war mir auch, als ständen wir alle vor einem tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die Hände reichen müßten.
Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte abgehalten, dazu kam, ihn aufzusuchen, geschah, was geschehen mußte, so wie das Leben nun einmal ist.
Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es bei uns da oben viele gibt, blau, sonnig und von einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem Krankenbesuch im Filial heimkam, am Gartenzaun und streckte sein Näschen zwischen den Latten durch. »Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich stellte mich neben das Kind, das den Finger vor den Mund gelegt hatte und sich horchend vornüberneigte und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein. Da hörte ich es denn auch, es kam näher und näher: Klarinetten und eine Geige, und dazwischen die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war eine Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele ihrer sich ein Gewerbe auf der Straße machen konnten, auch von den Alten, zogen hinter einigen schwarzhaarigen, bräunlichen Gesellen in malerischen, aber vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es von Mund zu Mund: heute Abend sollte große Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun auch der Wagen der fahrenden Leute wie einst der, der Mirza gebracht hatte. Ein paar Weiber gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es so bei den Bauern gibt; mir war Angst im Herzen um Mirza, an die ich heut immer denken mußte, als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so oft schon, ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß sie ja in einer treuen Liebe geborgen sei; die würde auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am späten Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an Markus Lohrmanns Haus vorüberging, sah ich nur die dunklen Fenster ringsherum und bei näherer Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein vor dem Hause, wie er mißmutig in seiner Pfeife herumstocherte. Der Bauer sei für drei Tage ins Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und Wein. Und die Frau? Die sei seit einer Stunde fort, wohin, das wisse kein Mensch, und ganz richtig sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das sage er.
Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da erhellten sich die Züge des Knechts. Ei, der liege in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau habe ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er schon lang geschlafen habe; es sei gewesen, wie geweint, ihm, dem Zuhörer da außen, habe sich alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe nichts von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen, wie wenn eine arme Seele ums Lösgeld bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen und in ihrem alten, roten Tuch übers Feld hinauf in den sinkenden Abend hineingelaufen. »Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß der Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.« Mir kam die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht hatte. Denn dieses Menschenkind, das hast du schon gesehen, lag mir am Herzen.