Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei ihr gewesen waren? Ob sie die Musik der dunklen Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not, auch vor sich selbst, geborgen hatte.
Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, einer von den Herbststürmen, wie sie bei uns da oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen. Nach dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich; das Wetter mußte rasch umgesprungen sein. Nun trieben schwere Wolken in großen Heerhaufen am Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter ihnen stand, auf Augenblicke freigaben, so warf der sein blasses Gesicht auf ihre zerrissenen, zerklüfteten Gestalten, die seltsam rasch über ihn dahinflogen. Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine andere Musik, als die sie da oben machten im Ochsen. Die klang mir nun auch in die Ohren, je mehr ich mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich gönne meinen Burschen und Mädchen wohl ein Vergnügen; ich habe selber auch schon zugesehen, wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte, so, wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du kennst das kleine Liedchen, wir haben es schon miteinander gelesen:
»Eine braune Geige schluchzt,
Und daneben juchajuchzt
Eine tolle Flöte.«
Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen blieb; denn, anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich mich von den Tönen noch ein Stück näher gegen den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich sie diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es sei ein Krankes um den Weg, das Stille brauche. Als ob die schluchzende Geige, der klagende Dudelsack Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter, ein jedes seinen Ton, und nun hörte ich auch das Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden des Ochsenwirts und sah an den hellerleuchteten Fenstern des Oberstocks die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten.
Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich nichts da oben zu suchen; und dennoch, fast von selber, gingen meine Augen durch die Dunkelheit in allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas. Da, als ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben der Wind, der da oben noch ganz anders hausen mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander. Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt heraus ergoß, sah ich, hart an die Wand des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine Frauengestalt in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht, aus dem die Augen, groß nach dem hellen Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet, fast herausspringen wollten wie in Hunger und vergeblicher Sehnsucht.
Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die Hand bot, wie sie heftig zusammenschrak. »Guten Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte mir jetzt kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse ich mich still neben das arme Weib hinstellen, das die Zähne zusammenbiß und zitterte, wie in körperlichem Schmerz. Wir schwiegen eine Weile miteinander, dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite dich an dein Haus, heim, du mußt nicht so im Sturm draußen sein, ich meine, du seist nicht wohl die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird dir’s ja nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, es war nicht der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag so weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die Musik, die von der weiten Ferne redete, von dem Lied, das der Herbstwind in den Bäumen spielt, von allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, – ach, mehr als das, von allem Hinausdrängen und Heimbegehren der Menschenseele. Ich sah es wohl, sie trank das alles in sich hinein, – und verging fast daran.
Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still neben mir her. Ihre Schritte waren schwer, das mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen, aber nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last trägt und weiß: ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich mich selbst ablege.
Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam heftigen Gebärde die Hand. »Nicht bös sein, Herr Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und ich sah trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich gerichtet.