»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer, Mirza,« sagte ich. »Komm doch in diesen Tagen, so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut sich darüber. Das Agathlein ist auch da, du mußt dein Bübchen mitbringen.«

Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit dem Hausschlüssel zu schaffen, und ich dachte, der Friede ihres Hauses werde über sie kommen, wenn sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes höre und ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim Gehen: »Gott behüt dich, Mirza. Wir müssen alle durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen wieder und es wird wieder hell.«

So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen einer des andern Not und gehen ein Stück neben ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt uns nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos neben uns stöhnt in Qual, dann sagen wir zuversichtlich: es wird schon besser werden – und meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja, wir Menschenhüter! Es ist uns doch immer wieder ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben, die in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten und Verwirrten bergen können.

Am andern Tag, das heißt, als es schon in die tiefe Dämmerung überging, kam Markus Lohrmann zu mir in den Garten, wo ich nach meiner Gewohnheit noch ein wenig zwischen den Beeten auf und ab ging. Er hatte den kleinen Marx auf dem Arm und sah fahl und verstört aus. »Schon zurück, Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so schmerzlichen Jammers aus seiner Brust hervor, daß ich im tiefsten Grund erschrak. »Was ist – mit Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das mit den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen, die ich während des Religionsunterrichts bei Mirza kennen gelernt hatte, bedeckt war.

»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß nicht, wohin, daß Gott erbarm. Markus, du bist gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber ich bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter die Bäume und unter den freien Himmel, ich meine, ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich meine, ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend; ich hätte nicht zuhören sollen; ich kann nicht mehr ins Haus hinein.

Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß Gott erbarm –« da brachen die Schriftzüge ab. Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es grimmig auf den Tisch in der Wohnstube gelegt. Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen; denn im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund: sie ist mit den Musikern fort. Art läßt nicht von Art – und dergleichen mehr, was die Leute so sagen.

»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich, als ich das Blatt gelesen hatte. Aber ich glaubte es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das Glück kam nicht mehr für die beiden.

Er schüttelte auch den Kopf und drückte das Kind an sich. »Jetzt hab’ ich nur noch dich,« sagte er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei allein miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen.

Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich bin erst seit einer Stunde da,« erzählte er. »Ich bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so sonderbar gewesen die Zeit daher. Sie hat auch im Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß sie krank ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel im Käfig, und doch hat sie mich lieb gehabt – und das Kind auch.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben bringen, Herr Pfarrer, und fortgehen, sie zu suchen. Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie muß und will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.«

Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer Güte voll er mir erscheinen mußte; er redete und tat alles aus seinem einfachen, liebenden Herzen heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte sie auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte. Aber er wollte sie nicht im Käfig halten. »Ach, Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.«