Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch keinen andern Trost. Dann ging er wieder; er drückte das Kinderköpflein an seine Wange und ich hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg hinunterschritt.
In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich oft eine Dämmerstunde lang oder auch beim Licht der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe niemand, der so recht mit ihm fühle. Da saßen wir einander gegenüber, oft mit einer Pfeife Tabak, oft auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert da oben? Anderswo wäre das unmöglich? Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt du, so eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden, das ist nicht meine Sache, – da spürt so ein Mensch doch, daß jemand da ist. Ach was – nun will ich weiter erzählen.
Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er war von einem Amtsbruder im Schwarzwald. Warte, du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.«
Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren, dann brachte er ein Blatt zum Vorschein.
Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder! Es liegt in einer Kammer des hiesigen Armenhauses ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin, die aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und behauptet, in Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes Weib ist in einer Waldhüterhütte eines toten Siebenmonatkindleins genesen, und, da sie dort aufgefunden wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft worden, bis sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen könne. Ich glaube aber, sie wird nicht viel irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre Kraft schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine wunderliche Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger nach der neuen Insassin sehen wollte, das Weib erzählt hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir, sowohl um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer sollte eine aus dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau gemacht haben, als auch um des andern, daß solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung und reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus gelaufen wäre, wenn nicht das Menschenherz zuweilen wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses begeben muß. Es ist nämlich, wie ich sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das ganze Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen oder Lügnerin, sondern nur einer Verirrten, die sich nun im Angesicht des Todes wieder dahin zurücksehnt, von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie – und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, – daß sie wie eine Undankbare gehandelt habe, die so großer Liebe ihres Mannes nicht wert gewesen sei, da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen habe. Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig dreinsehen und beim Reden bittere Tränen daraus hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott weiß, ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen als ich.
Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes Verzeihung zu suchen, so schüttelte sie den Kopf und sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann verzeiht, Gott wird es wohl tun.«
Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab- und dem Ewigen zuwenden könne, so ersuche ich Sie, Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung, daß der Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht achtend seiner erlittenen Kränkung, der Sterbenden, denn das wird sie bald sein, ein Wort der Verzeihung schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit auch uns vergeben werde.«
Darauf folgte die Unterschrift.
»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln, das schon vieles zu wissen schien.
Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und bekam leuchtende Augen hinter seiner Brille.