»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du etwas zu hören, das ist wie ein Fest, ist lauter Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es aussieht wie Elend, Not und Tod.
Es war am späten Abend, als ich Markus Lohrmann den Brief brachte. Er tat gerade sein Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es spät geschehe: »Es wird so bald dunkel und die Abende sind schon so lang. Da hab ich das Kind so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett. Aber, Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’ sind schon so kalt, und ich muß dann immer hinausdenken, ob sie herumirrt und kein Haus hat. Und oft ist mir’s, sie rufe nach mir.«
»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab ihm den Brief.
Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran, daß das Blatt in seiner Hand zitterte und daß sich seine Brust stark hob und senkte, so als ob er sein Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon vorher wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert sei. Ein paarmal lächelte er beim Lesen und ich verstand warum; es schnitt mir ins Herz und machte mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er an zu reden. Es geschah zu dem Kind. »So, so, Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du hinliegen und schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner Mutter, die wartet und kann sonst nicht einschlafen.« Dann versagte ihm die Stimme und er machte sich an dem Bettchen zu schaffen. Als er ringsherum das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte, hob er das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer, wie ist da die Reise?« fragte er. »Ich muß mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da ist keine Red’ davon, daß sie in dem Armenhaus dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann sein, sie wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen Doktor.«
Wir machten den Reiseplan miteinander. Er mußte sich noch gedulden bis gegen Morgen. Dann, es war noch tiefdunkel, schritt er durch die nächtlichen Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und hörte ihn mit dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg führte nah am Pfarrhaus vorbei.
Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch am Himmel stehen und hätte dem Wanderer gern ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich, der bedarf eines Wortes nicht. Er war mir lieb so.
Das war der Morgen des ersten Novembers.
Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander heim.
Wir wußten es von der alten Burge, die es sich nicht hatte nehmen lassen, den kleinen Marx zu versorgen, und die Weisung erhalten hatte, das Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu schicken.
Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten. »Er hätte sollen froh sein, daß er sie los hat. Auch noch nachlaufen, einer solchen, – aber er ist rein nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen gehabt hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald sterben können, dann hätt’ er seine Ruh’ gehabt.« Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen fuhr, die horchten nicht nach dem Gerede hin. Sie hatten, das sah ich, als ich sie am übernächsten Tag besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als die Dorfgenossen es meinten.