Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen bleiben konnten, ich brauchte da nichts einzureden. Aber sie hatten noch ein paar Sommertage vor sich, eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza atmete mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach und das Fieber brannte in ihr mit hoher Glut. Aber sie hatte leuchtende Augen, die waren bis zum Rande gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts mehr von vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender Sehnsucht stand in ihren Zügen. Und Markus Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß sie leichter atmen konnte, und streichelte ihre heiße Hand, und sie waren eins im andern daheim, wie ich es noch nie gesehen hatte.
Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber, vor allem Bitteren und Bösen, das sie einander hätten antun können, und vor aller Qual der vergeblichen Wanderwege nun abgenommen war, wie man Kindern ein gefährliches Spielzeug sacht aus den Händen nimmt und sagt: so, nun laßt das, nun kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes erzählen.
Und darauf horchten sie nun und sagten eins dem andern, was es im Herzen erhorchte.
»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der Mann, »weißt du noch? mit einem siebenfachen Seil, daß du mir nicht hinauskommest. Aber das Anbinden, das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen, Mirza?«
»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie. »Und ich hab’ auch so tun müssen, wie ich getan habe. Wir können nicht anders, wir sind arme Leut, wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so herumirrte und doch nicht heimkonnte: wenn ich der Gott wär’, ich hätt’ so ein großes Mitleiden mit allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte um zu helfen.« –
Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund. Sie taten sich vor mir keinen Zwang an, ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile. Dann mußte ich aber doch sagen: »Das tut er ja auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein Ich zu eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da wirst du nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.«
Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles durch mich durch. Es ist ein so großes Heimbegehren in uns Menschen allen. Der alte Claudius fiel mir ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.« Das und noch vieles. Aber ich konnte jetzt nicht davon reden. Wenn Markus Lohrmann diesen Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, – und das wird er, ich weiß es – dann werden wir wohl von diesen Dingen reden. Damals – ich habe selber mit horchen müssen und mit nach der Hand greifen, die Mirza wollte vom Himmel herunterlangen sehen, um uns allen zu helfen.«
»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer eine Zeitlang schwieg. »Und dann ist auch diese Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten, die hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht geworden, daß wir das, was des Wanderns müde war, begruben, und daß das, was nach der uferlosen Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut gegangen ist.‹«
Drunten am Haus schellte es.
Ursel machte auf und man hörte sie reden. »Und der Marxle ist noch auf und noch draußen?« sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt, so Männer haben doch keinen Verstand für die Kinder.« Dann ging die Tür auf und der Mann, von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein. Er trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in ein großes Tuch gewickelt und hatte warme, rote Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an das blasse, ernste Gesicht des Vaters.