Es war dem Hause seines Brotherrn ein Sohn geboren, er wußte es wohl, es war schon längere Wochen her. Aber er konnte nicht denken, etwas von ihm zu sehen, und eigentlich, danach verlangte den Alten auch nicht. Nur, wie es ihr ginge, der jungen Mutter, das hätte er gern gewußt. Er mochte niemanden im Geschäft fragen, denn die Neckereien hätten sonst von vorn angefangen. Daran dachte er, als er durch die grünen Zweige sah, den weißen Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte. Da kam sie selber hinter einer Gruppe von blühenden Syringenbüschen hervor aus einem Seitenweg; sie trug ihr Kindlein auf dem Arm und wiegte es sachte und summte ein leises Liedchen dazu. Sie war voller und stattlicher geworden, seit er sie als Braut gesehen hatte, und hatte so weiche, mütterliche Züge, und aus den Augen leuchtete es. Der alte Grau hatte noch nie so etwas Schönes gesehen, oder ja, schon lange, lange. Das war ihm damals auch schön vorgekommen, damals, als die Anne seinen Georg auf dem Arm gehalten hatte. Er ließ den Zweig fahren, an dem er sich hielt, und rutschte, seinen Standpunkt verlierend, in den Graben. Das gab ein knackendes, stolperndes Geräusch, und die Hecke schütterte etwas. Die junge Frau sah danach hin und dann kam sie vollends näher.
Da rappelte sich der alte Mann auf. Er sah nicht gefährlich aus, es war nichts zu erschrecken an ihm, wenngleich es etwas verwunderlich war, daß er sich so an der Hecke zu schaffen machte. Sie erschrak auch nicht, er hatte so ein gutes, wunderliches Gesicht; und jetzt holte er seinen alten Filz aus dem Graben und wollte ganz verlegen weitergehen. »Suchten Sie hier etwas?« fragte sie freundlich. – »Ich? Nein, ich, ich wollte nur, ich habe da nur so ein bißchen hereingesehen.« Er brachte es stolpernd heraus. Das Herz schlug ihm bis an den Hals herauf. Und dann kam eine Kühnheit über ihn. »Das Kind,« sagte er, »wenn ich das ein bißchen ansehen dürfte.« Seine Stimme zitterte, er war doch ein schwacher, alter Mann.
Da war die junge Frau stolz und froh wie eine Königin. Das war ja doch natürlich, daß er ihr Kind sehen wollte, das war ja wohl wert, daß man durch die dichtesten Hecken sah. Das war ja auch ein Prinz, den man sehen lassen konnte. Sie lüftete das Schleiertuch und ließ den Alten in all’ die Pracht des zarten, rosigen Kindergesichtchens schauen und sah selbst andächtig mit hinein. »Sie haben gewiß auch Enkelkinder?« fragte sie, als sie den Schleier wieder zuzog. Ja, das habe er, ja, und er danke auch schön, sagte er, und dann stapfte er davon.
Damit hatte es angefangen, das Geheimnis, von dem vorher die Rede war, das, was den Alten so vor sich hinlächeln ließ, so oft es ihm einfiel. Denn nun hatte er wahrhaftig noch auf seine alten Tage eine stille Liebe, eine ganz langsam wachsende, verschwiegene, um die »niemand nichts wußte«, ganz wie es im Volkslied heißt, daß eine heimliche Liebe sein müsse. Die ging nun mit ihm und stellte mit ihm an, was sie wollte, und zimmerte sich irgendwo in seinem Herzen einen ganz luftigen, hellen, warmen Raum, und da hauste sie.
Der Gegenstand seiner Liebe wußte lange nichts von ihr, wie das so hie und da zu gehen pflegt. Er lag im Kinderwagen und spielte mit seinen Händchen, und dann wuchs er nach und nach heraus und machte im nächsten Frühling seine ersten Schritte auf strammen, rundlichen Beinchen, und hatte um diese Zeit einen steil aufstrebenden, braunen Haarschopf über der Stirn. Ein Wunderkind war er nicht, er brauchte zu allem seine gehörige Zeit, wie das rechtens war. Eines Tags, als er mit zwei Jahren schon selbständig durch den Garten marschierte, fiel er über sein Schuhband auf den Kiesweg, rollte wie eine Kugel ein paar Schritte weiter und blieb mit mörderischem Geschrei nicht weit von der Hecke liegen, hinter der gerade der alte Grau stand und seinen Augenschmaus nach dem Mittagessen hielt. Dem zitterte sein altes Herz, und wenn er nur gewußt hätte, wie das zu machen sei, so wäre er über die Hecke gestiegen trotz der Dornen, die sie trug, oder durch eine Ritze gekrochen. Aber das war weder möglich noch nötig. Eine helle Stimme rief von der Bank her, die in dem Syringengebüsch stand: »Aber so steh doch auf, mein Bub. Komm zur Mutter. Mutter kann nicht kommen, und Willy kann selber aufstehen.« Dort drinnen saß die junge Frau und hatte die kleine Schwester auf dem Schoß, die so winzig in den Kissen lag, wie der Alte den Buben an jenem ersten Tag gesehen hatte.
Da stand der kleine Kegel auf, wischte sich mit den Fäusten die Augen und trollte zur Mutter. Er wußte immer noch nichts von seinem alten Liebhaber da draußen. Das dauerte noch eine gute Weile. Aber einmal, er trug schon die ersten Höschen, da rollte ihm sein neuer, feuerroter Ball durch die Hecke und fiel in den Graben, der jenseits von ihr sich hinzog, und er wollte gerade anfangen, sich seinem Schmerz hinzugeben. Da tauchte ein altes, runzeliges Männergesicht über der Hecke auf. »Nun wein’ nur nicht, Büblein,« sagte der Mann. »Ich hol’ ihn dir schon;« er bückte sich. »Siehst du, da ist er schon, da hast du ihn.« Der Kleine griff begierig nach dem Ball; der Alte keuchte ein wenig von dem starken Bücken. »Was tust du da, Mann?« fragte Willy und legte die Hände samt dem Ball auf den Rücken. »Ich? O, nichts, ich geh’ ins Geschäft,« sagte der Alte. »Mein Vater geht auch ins Geschäft,« sagte Willy sachverständig. Er war ein strammer, kleiner Kerl geworden. Niemand war weit und breit um den Weg, da dachte der alte Grau nicht an seine Schüchternheit. Das Herz ging ihm über. »So, nun gibst du mir noch eine Hand,« sagte er, eh’ er ging. »Ich hab dir auch deinen Ball geholt.« Durch eine schmale Ritze in der Hecke kam ein vertrauensvolles Kinderhändchen und legte sich weich und warm in die harte Hand des Alten. Und dann schieden die Freunde, jeder in seiner Art beglückt. Nun waren sie miteinander bekannt geworden, man konnte gar nicht wissen, was alles noch im ferneren Verlauf ihrer Freundschaft liegen würde; das würde wohl alles von selbst kommen.
3.
Der alte Grau konnte wohl solch ein freundliches Lichtlein auf seinem Weg brauchen. Er war sonst nicht eben freundlich, sein Weg, noch weniger als früher. Über den Gewerben hing eine Stockung, da und dort wurden Leute entlassen, Streiks schwebten in der Luft; wohin man kam, war die Stimmung sorgenvoll, mürrisch und düster. Durch die Fabriksäle wisperte es, auch in der Bruckmannschen Gießerei: »Im Herbst sollen mindestens fünfzig Mann entlassen werden; es sind keine Aufträge da.« Die jungen, kräftigen Leute ging das nicht so in erster Linie an; aber die alten, verbrauchteren Kräfte, die man in besseren Zeiten leicht ersetzen konnte. Unter ihnen würde man zuerst aufräumen. Der Chef ging mit wuchtigen, sicheren Schritten einher, wenn man ihn einmal zu Gesicht bekam. Wie einer, der sein Schiff schon zu steuern weiß, sah er aus.
»Natürlich,« sagten die Arbeiter, »sein Geld und seiner Frau ihres, das läßt ihn schon sicher auftreten. Aber unsereiner.« Es ging manches sorgenvolle Gesicht aus dem Fabrikhof. Der alte Grau war auch in trüben Gedanken. Er konnte sich nicht recht vorstellen, was aus ihm würde, wenn er entlassen werden sollte. Wie auf die Straße gesetzt würde er dann sein. Nicht nur des täglichen Brotes wegen erschien ihm das so. Wo sollte er denn sein, als in der Fabrik? Da war er sein Lebenlang gewesen. Er hatte schon einen Notpfennig. Aber wo war er denn daheim? Sollte er in seiner Kammer sitzen? Oder im Wirtshaus? Oder den Kindern zur Last fallen? Das lag alles auf ihm. Er war auch so müde, die Füße zitterten ihm so sehr. Aber er dachte nicht, daß es ihm gut und nötig wäre, auszuruhen, er fürchtete sich nur vor allem Neuen. Den alten Trott zu gehen, bis – ja bis es ganz zu Ende wäre, das begehrte er, sonst nichts. Oder doch, ja, sonst noch etwas. Jeden Tag das frische Kindergesicht zu sehen, das sich so unbegreiflich tief in sein altes Herz eingeschlichen hatte. Es war, als sei der Junge die Gabe seiner Tochter an ihn. Als dürfe er ihr nicht nahe stehen, ihr nicht, aber dem Kind. Er konnte sich das nicht so klar machen, er hatte mehr Instinkte, als Gedanken.
So kam der Herbst heran. Die Akazien im Fabrikhof wurden kahl, der Wind fegte die gelben Blättchen auf Haufen zusammen. Manch ein Familienvater sah mit verlangenden Augen nach den Kohlenvorräten, die der Schuppen neben dem Kesselhaus barg; wie nach einem Schatz, durch den man Wärme und Behagen ins Haus bannen konnte den ganzen, kalten Winter lang, sah er danach hin.