»Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt.« Irgend ein unsichtbarer Chor sang es. Es klang wie linde, tröstliche, ermunternde Mutterworte. Der Alte verstand den Text nicht so ganz. Er hatte auch nicht viel Übung darin, die Augen aufzuheben, aber seine Seele, die viel im Staub und in den Niederungen des Lebens wohnte, versuchte doch, sich ein wenig in die Höhe zu heben. Es ging schwer. Er tat seine harten, schwieligen Hände ineinander und stand auf, als die Hochzeitsgesellschaft sich zum Gebet erhob, und versuchte mitzubeten. Aber er hatte seine eigene Sprache dabei. »Lieber Gott,« sagte seine Seele, »die Anne wird mir bös sein, daß ich das Kleine hergegeben hab. Und ’s ist auch hart, daß ich muß so fremd sein und doch in der Nähe. Ich möcht mir’s gern recht sein lassen, wenn’s ihr nur gut geht. Sie hat so ein liebes Gesicht. Mach nur, daß ich still bin, und niemand nichts sag’ und sie nicht störe. Und ich bin auch gar allein jetzt, seit die Kinder groß sind. Aber darein muß man sich halt schicken.« Er hätte vielleicht noch viel zu sagen gehabt, aber es liefen ihm jetzt ein paar ungewohnte Tränen über die Backen, er mußte sie wegwischen, und dann konnte er nicht mehr für sich allein weiterreden, denn nun stand das Brautpaar vor dem Altar. Da ging alles Denken unter in einem großen, feierlichem Gefühl.
Und dann war es vorüber. Die Wagen rollten davon, die Schaulustigen zerstreuten sich, und der alte Mann ging seinen stillen Weg nach dem Geschäft. Er hatte heute das Mittagessen versäumt, um hier sein zu können. Nun stand immer ein liebliches, junges Gesicht vor ihm, das aus weißen Schleierwolken blickte und vor Glück und Liebe leuchtete. Er war daneben gestanden, als das junge Paar in den Wagen gestiegen war. So nah und doch so weit weg. Der Pfarrer hatte in der Traurede davon gesagt, daß die Braut heute die Eltern zu vermissen habe, und der Bräutigam den Vater, und daß das die Freude des Tages beeinträchtige. Die alte Frau Bruckmann, die Bräutigamsmutter, hatte dabei geweint, und ihm, dem alten Grau, war es durch und durch gegangen: »Sollst hingehen und sagen, daß du da bist. Nun die anderen davongegangen sind, denen du sie gegeben hast.« Aber dann rief er sich zur Ordnung. Was waren das für närrische Gedanken. Sie lebte in einer ganz anderen Welt als er. Da gab es kein Herüber und Hinüber. So war er still, und das mußte er ja wohl immer bleiben.
Wie sie ihn neckten in der Fabrik. »Was, nicht beim Hochzeitsessen? Und bist so schön in der Nähe gesessen. Hättest einen Frack entlehnen sollen, Grau, dann hättest Brautführer werden können.« Er lächelte so eigen vor sich hin bei all dem. Da machten sie aus, daß er in die junge Frau verliebt sei und hechelten ihn weidlich durch mit gröblichen Scherzen. Die gingen wie ein Lauffeuer durch die Fabrik. Der Sohn hörte sie, und der Schwiegersohn. Die beiden waren in einer anderen Halle beschäftigt. Aber am Feierabend kamen sie herüber und sagten, lachend und ein wenig ärgerlich: »Was machst du auch für Geschichten, Vater? Machst dich ja zum Gespött.«
Es sah dem Alten gar nicht ähnlich; sie konnten nicht recht klug aus ihm werden. Der trocknete sich die gewaschenen Hände und schlüpfte in den abgetragenen Rock, gleichmütig und still, und hatte so einen merkwürdig aufgehellten Zug um Mund und Augen. Aber zu erklären hatte er nichts. »Hm,« sagte er, »was tu’ ich denn? Laß sie doch reden. Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.« Das war schon eine lange Rede von ihm. Er war noch wortkarger und schwerfälliger geworden die letzten Jahre, die er nun allein lebte.
Da ließen sie ihn und gingen nach Hause. Und auch er ging seines Weges und straffte die nach vorn gebeugten Schultern ein wenig, ohne daß er’s wußte. Das war, weil ihn so etwas Schönes, Junges gestreift hatte, so ein Stück von seiner eigenen Jugend, das unberührt geblieben war von der Mühsal der Arbeit und Sorge.
Das ging nun so neben ihm her. Das setzte sich ihm in seiner Kammer gegenüber auf einen der Bretterstühle und fing an, mit ihm zu reden. Er war in seinem Leben nicht viel mit Poesie und Idealen und dergleichen in Berührung gekommen; er kannte sie kaum dem Namen nach. Aber das tat nichts. Darum kamen die freundlichen Geister nun doch zu ihm zu Gaste, und ihm war, als habe er lange auf sie gewartet. Dazu hatte ihn das Alleinsein empfänglich gemacht. Es ist nicht zu glauben, wozu das Alleinsein die Leute bereitet.
2.
Nun gingen wieder ein paar Jahre hin. In gleichem Schritt und Tritt wie die früheren gingen sie dahin, und der alte Grau ging mit ihnen im alten Trott. Werktags in die Fabrik, Sonntags manchmal zu einer der Töchter oder zu den Söhnen. Es war nur ein wenig weit dahin, wo sie wohnten, und es waren enge Wohnungen in menschengefüllten Häusern, wo eine Familie dicht an der anderen wohnte bis unters Dach hinauf. Wo sie einander in die Töpfe sahen und in die Familienangelegenheiten einredeten. Das war nicht recht seine Sache.
»Wenn ich jung wäre,« sagte er, »ich zöge aufs Land. Da kann man für sich sein, und der Weg tut den Männern nichts, im Gegenteil.« Er hatte so die Meinung, die Frauen könnten dann daheim bleiben, die Kinder und das Hauswesen versorgen und noch ein Stück Land dazu anpflanzen. Und dabei stand ihm seine Anne vor Augen, die das so gemacht hatte. Es war doch eine schöne Zeit gewesen mit ihr. Aber so wollten die Kinder nicht. Sie wollten lieber Stadtleute sein, und das Rechenexempel des Alten stimmte ihnen nicht. Wenn zwei verdienen, gibt’s doch mehr aus, als wenn nur eins verdient. Und für die Kinder gibt’s allerlei Unterkunft, Krippen und Kinderschulen und nachher die Volksschule. Und die Gasse ist auch da. Es war ein mühseliges Leben, das sie führten, noch viel mühseliger, als es die Anne einst gehabt hatte. Aber sie konnten Kleider tragen wie die Vornehmen, am Sonntag wenigstens, und so hie und da zu einem Vergnügen reichte es auch. Nein, sie verstanden einander nicht so recht, die jüngere Generation und der Alte. So kamen sie nicht so oft zusammen, es war einfacher so. Mit den Enkeln probierte er’s hie und da; er hatte ein anschlußbedürftiges Herz, und es gab warme Stellen darin. Er brachte ihnen Brezeln mit oder Äpfel, und am Ostertag Zuckerhasen. Dafür waren sie auch sehr empfänglich. Nur mit der Unterhaltung wollte es nicht so recht fort. Sie rissen sich los und rannten mit ihren Schätzen auf die Gasse, sobald sie konnten. So war er sehr allein, innerlich und äußerlich. Aber es war etwas mit ihm gegangen, all die Zeit daher. Er behielt es ganz allein für sich. Die anderen hätten ihn einen Narren gescholten, wenn sie es gewußt hätten, oder, was noch schlimmer wäre, sie hätten ihn gezwungen, Kapital daraus zu schlagen. So blieb es sein Geheimnis. Er hatte nicht besonders viele Fertigkeiten erworben in seinem Leben, aber zu schweigen hatte er wohl gelernt. So viele Jahre in dem betäubenden Lärm der Maschinenhalle, und auf den einsamen Gängen hin und her, und in der stillen Kammer am Abend, da wird einer in sich hinein geschlossen. Und nun trieb und lebte da innen etwas ganz Neues. Etwas, das ihn manchmal vor sich hinlächeln machte. Das sah merkwürdig genug aus auf seinem zerarbeiteten Gesicht. Wie wenn ein Sonnenstrahl auf einem alten Weidenstumpf liegt; man weiß nicht, was auf einmal so besonders Schönes an dem verwitterten Strunk ist. Die anderen Arbeiter sahen es und lachten. »Er kommt in die zweite Kindheit,« sagten sie. Das war auch wahr, sie wußten nur nicht wie.
Der Alte hatte seinen Nachhauseweg etwas geändert. Der neue Weg war ein wenig weiter, aber das tat nichts. Er führte ein Stück weit über leere Bauplätze, zwischen Schutthaufen und wuchernden Brennesseln. Das war so am Rand der Stadt, die einen Ring um den andern um sich herum schloß. Links unten lag in einer Senkung die Vorstadt, und dahin führte ein schmales Weglein zwischen hohen, dunklen Hecken an alten, wohlgepflegten Gärten vorbei. Einer dieser Gärten war’s, um den er den Umweg machte. Es stand ein Haus darin, wie in beinah’ allen, man sah aber hier nur die Rückseite und auch die durch die Bäume halb verhüllt. Eine Veranda, ein paar grüne Fensterläden, ein Stück weiße Wand und ein Schieferdach. Es war nichts Besonderes daran. Nur, seine Tochter wohnte darin. Der Vater war am Anfang nicht oft diesen Weg gegangen, nur so hie und da, von seinen suchenden Gedanken unwillkürlich hingezogen. Der Garten lag meist leer und still; einmal war an einem Sonntagnachmittag allerlei fröhliche Gesellschaft unter den Bäumen zu sehen gewesen, Lachen und Plaudern und lichte Kleider, Hängematten zwischen den Bäumen; er ging leise weiter. Das war nichts für ihn. Er hatte auch seine Frau Prinzipalin nicht entdecken können. An einem warmen Sommerabend hatte er sie gesehen. Das Licht brannte in der Veranda, es warf einen milden Schein in den Garten hinaus. Und zwei Menschen standen in seiner Helle, eng aneinander geschmiegt. Die Frau trug ein helles, fließendes Gewand, sie sah mit Lächeln zu ihrem Gatten auf; er redete irgend etwas zu ihr, das konnte man aber nicht verstehen. Dann setzten sie sich an den Tisch unter der Lampe. Der Alte drängte sein Gesicht an die Zweige der Hecke und lugte durch den Spalt; das war wohl ein liebliches Bild, das er sah. Aber es gab noch ein viel lieblicheres, das brachte der nächste Frühling, und damals erst fing er an, solch eine dauernde Vorliebe für den stillen, grünen Weg zwischen den Hecken zu fassen. Im Mai war es; die Luft war voll Vogelgesang und die Bäume voll Blüten. Den alten Grau kam es wieder einmal an, durch die Hecke zu sehen. Er war lange nicht dagewesen, es war ja nichts zu holen für ihn, es war nur so hie und da ein Blick in eine fremde Welt, an der nur sein Herz teilhatte.