Der Alte lebte allein jetzt. Auch in der Stadt, in einer stillen Vorstadtstraße. Es war ihm allmählich zu weit geworden, den täglichen, weiten Weg nach dem Dorf zu machen; und die Töchter konnten auch so eher einmal nach ihm sehen.

Er lebte still für sich hin, ein eintöniges Leben. Tagsüber in der Fabrik, es war eine Gießerei, abends an irgend einem Wirtstisch, dann allein in seiner Kammer. Er konnte es nicht anders verlangen, Hunderte hatten es nicht anders. Manchmal gingen seine Gedanken in frühere Zeiten zurück; nicht oft, sie waren allmählich etwas stumpf und müde geworden. Da hatte sich vor einigen Wochen etwas ereignet, daran war eine Seite seines Wesens wach und jung geworden.

Der Chef, es war der Sohn des alten Herrn, unter dem er dreißig Jahre gedient hatte, war jung verlobt. Und eines Tages durchschritt er mit seiner Braut die Geschäftsräume. Er wollte ihr gern alles zeigen, was sein war. Es kam nicht oft vor, daß solch eine lichte, feine, junge Gestalt die hohe und etwas düstere Maschinenhalle betrat. Es war, als ob sie ein Stück Sonnenlicht mit hereingebracht hätte, ein Stück Frühling. Das war sie auch, beides. Sie grüßte so unbefangen freundlich nach allen Seiten, tat so tüchtige Fragen, nicht nur so, um doch etwas zu reden. Sie wollte das und jenes wirklich wissen. Und sie fragte auch die Arbeiter selbst, den und jenen. Ihr Bräutigam sah sie erstaunt an, erstaunt und vergnügt. Das gab eine Kapitalfrau. Sie wollte teilhaben an seinen Interessen.

Die Arbeiter stießen sich an und lachten beiseite. Halb verlegen und halb erfreut. »Das ist die Neuheit,« sagte einer. »Die frägt bald nicht mehr. Damit will sie ihm gefallen.« – »Ach du, aber nett ist sie doch; sie hält unsereins auch für einen Menschen. Nein, was wahr ist, sie tut nicht hochmütig. Und sie soll schwer reich sein, da sind sie sonst anders; man weiß ja, wie.«

Das Brautpaar schritt weiter. Als sie an Grau vorbeikamen, sah er auf. Er hatte bisher nichts gehört und gesehen, er putzte eben einen Messingcylinder blank. Da fiel ihm der Lappen, mit dem er fegte, aus der Hand. Ganz starr sah er die junge Braut an. Er strich sich mit der Hand über die Stirn. Das war ja seine Anne. So hatte ja sein junges Weib ausgesehen, im Gesicht und von Gestalt. Vielleicht nicht ganz so fein und zart. Aber so hell aus den Augen, und den gleichen Zug um den Mund, und das gleiche Haar. So trug sie den Kopf, so frei und gerade, und so legte sie ihn ein wenig auf die Seite beim Sprechen. Es war wie eine Geistererscheinung. Keines der anderen Kinder war ihr entfernt so ähnlich.

»Na, was ist denn, Grau?« fragte der Bräutigam. Er war in Festtagsstimmung, und nun dachte er, den Alten blende so viel Schönheit und freundliche Anmut, weil sie ihn selber blendete. Aber der antwortete nicht. Er hob seinen Lappen auf, und als das Paar vorüber war, lehnte er sich schweratmend an den Werktisch. Der Werkführer kam heran und sah nach seiner Arbeit, und, gesprächig gestimmt durch ein paar freundliche Worte von der schönen Braut, sagte er: »Er hat’s hingedreht, der Herr. Die ist alles, was man Gutes will, die Braut. Lieb und gescheit und schön und reich. Der kann lachen. Eltern hat sie nicht mehr, er braucht auf kein Erbe zu warten. Sie hat alles schon in Händen. Der Kommerzienrat Falkner war ihr Vater; er hat sie sich aus München geholt, der Herr, mein’ ich.«

»Falkner?« Grau hielt sich am Werktisch, mit zitternden Händen. »Ja, was ist da Besonderes? Was haben Sie, Mann?« – »Ach, nichts, so’n bißchen Schwindel.« Er drückte die aufsteigende Erregung nieder. Und dann fegte er weiter, mechanisch. Wie ihm die Gedanken im Kreis gingen, im Wirbel. Das war seine Tochter, seine. Sie wurde nun seine Brotherrin. Wenn er nun aufstünde und zu ihr hinginge und sagte: »Ich bin dein Vater!« Und ihr alles erzählte von dem kleinen Häuschen und von dem Korb, in dem sie als Wickelkindchen gelegen hatte, von ihrer toten Mutter, der sie so ähnlich sah wie keine ihrer Schwestern. Ja, und von ihren Schwestern und Brüdern. Zwei Schwestern arbeiteten in einer Spinnerei und eine war Falzerin in einer Buchbinderei. Und die Brüder? Ja, einer von ihnen war gleichfalls hier im Geschäft, war auch »ihr« Angestellter. Aber das ging ja nicht. Es war ja solch eine große Kluft befestigt zwischen ihnen allen und ihr. Er hatte sie ja hergegeben. Sie hatte von ihm nichts empfangen, als das Leben. Er hatte kein Recht an sie. Und doch wallte es so warm und weich auf in dem alten Herzen. Als wäre das Teil der Zärtlichkeit, das diesem Kinde gebührt hätte, seither in der Ecke dieses Herzens gelegen und erhebe sich nun und walle der Tochter entgegen. Er hatte nie besonders viel Zärtlichkeit auf seine Kinder verwenden können. Was man so Zärtlichkeit heißt. Die hatte sich bei den andern immer in die Sorge ums Brot und die Kleidung und dann, so gut sich das tun ließ, ums Fortkommen umsetzen müssen. Es war auch Liebe gewesen, rechte, echte, wenn man sie gleich nicht beredete und kaum bedachte.

Sie, die nun so plötzlich wieder in seinen Lebenskreis getreten war, bedurfte dieser Art von Liebe nicht, und wohl auch des stillen und hellen Flämmleins nicht, das der Alte so warm in seinem Herzen brennen fühlte. Er mußte es für sich behalten, das ging nicht anders. Es war ein Glück und ein Leiden in dem alten Mann, und niemand wußte es.

Und heute war Hochzeit. Oben auf der Empore stießen ein paar junge Arbeiter, die der Fürwitz hergeführt hatte, einander an. »Guck, der alte Grau. Da sitzt er, ganz breit und preislich, unten. Der ist wohl eingeladen? Der will sich wohl zeigen?« Und dann lachten sie und nahmen sich vor, ihn heut nachmittag damit zu necken.

Die Orgeltöne brausten durch den mächtigen Raum, wie auf gewaltigen Flügeln. Der Alte vergaß, daß er nicht dazu gehöre. Er war von seiner Gedankenwanderung zurückgekehrt, und nun war seine ganze Seele dabei. Dort vorne, um den Altar her, hatte sich die bunte, festliche Gesellschaft versammelt, und nun schritt das junge Paar herein.