Der Mann wußte es; es war eine Qual. Er wollte gern jetzt nicht mehr so stark daran denken, wie er so dasaß in der Kirche und auf die Hochzeitsgesellschaft wartete. Aber er mußte es doch tun. Er sah sich, wie er ihr die Augen zugedrückt hatte. Sie war sein Weib gewesen und die Mutter der Kinder. Und die Welt- und Lebensangst war in hohen Wellen über ihn hereingeflutet, als er in den grauenden Morgen hineinsah und nicht wußte, wie sich für ihn und die Schläfer neben ihm das Leben nun gestalten sollte. Das ganz Kleine rührte sich. Er nahm es heraus. »O du,« sagte er, und das Schluchzen schüttelte ihn, »o du Würmlein. Geh’ mit, geh’ auch zu ihr.«

Aber es war nicht gegangen, so nicht, wie er es im ersten Schmerz gemeint hatte. So nicht. Aber doch auch von ihm fort, weiter fast, dünkte es ihn, als wenn es bei der Mutter im Himmel wäre. »Dann hätte sie es im Arm,« dachte er. »Dann wären sie miteinander fröhlich da droben.«

Er war ein einfältiger, schlichter Mann. Er konnte es sich nicht anders vorstellen, als daß die Mutter das Kind auf dem Arm trüge, wenn es bei ihr im Himmel wäre.

Und das konnte nun nie sein.

Denn das Kind gehörte nicht mehr zu ihnen allen. Er hatte es hergegeben, verschenkt hatte er es, und ihm war, als sei es nun mit Leib und Seele denen eigen, die es aufgezogen, zum Leben geweckt und es ins Leben eingeführt hatten. Es war ihm fremd und weh zumute, wenn er heute daran dachte. Er hatte lange nicht daran gedacht; das Leben war voll Arbeit, eintöniger, mühseliger Arbeit in der Fabrik gewesen, und voll Sorge. Es stieg ihm nur in letzter Zeit wieder auf, und heute am meisten. Es lagen zwanzig Jahre dazwischen. Zwischen damals und heute.

Er entsann sich jenes Abends noch so gut. Er wußte noch, daß er in schweren Sorgen seinen täglichen Weg von der Fabrik in der Stadt nach dem Dorf hinaus gemacht hatte.

Es stieg kein Rauch aus dem Schornstein seines Häuschens, und er wußte, daß er jetzt seine Kinder streitend und sich balgend finden würde, oder auch still und freudlos, je nachdem es ihnen gerad am Tag gegangen war. Das Herz war ihm schwer, und er war müd und herabgestimmt.

Da kamen ihm seine zwei kleinen Buben entgegengesprungen. »Vater, es ist Besuch da. Der Herr und die Frau von der Villa droben. Sie warten auf dich. Und Vater, sie haben gesagt, ob wir die Gretel hergeben; sie möchten sie gern. Geben wir sie her, Vater?« Das war sein Jüngstes, die Gretel.

Er war damals froh gewesen. Es war doch ein Aufatmen. Und das Kind brauchte doch nicht zu verkümmern, so ohne Pflege, ohne Mutterhände. Er hatte es willig und gern den reichen Leuten gegeben, die so arm waren, daß sie kein einziges Kind besaßen. Für ganz und immer hatte er das zarte, feine Kindlein hergegeben. Sie zogen mit ihm aus der Gegend weg und kamen nicht wieder in das Dorf. Sie gaben ihm ihren Namen, lehrten es Vater und Mutter sagen und gaben ihm Liebe und Zärtlichkeit und allen Reichtum des Lebens, soviel Menschen von dem Reichtum des Lebens zu verschenken haben.

Aber das war nun zwanzig Jahre her. Die Geschwister waren aufgewachsen in Mühsal und Armut. Wenn wieder eins aus der Schule war, kam es in eine Fabrik und hatte von nun an sein Brot selber zu verdienen. Das verstand sich fast von selbst. Und dann wurden sie reife Menschen und gründeten sich selber ihren Hausstand, so gut sie’s konnten. Sie kannten nichts anderes vom Leben als Arbeit ums Brot, staubigen Werktag an irgend einer Maschine und den kurzen Lichtblick des Sonntags. Es hatte sie niemand so recht gelehrt, ein Licht in die Woche hinein zu nehmen. Da mußte es auch so gehen. Der Vater hatte es einmal anders gekannt, als er mit seinem jungen Weib auf dem Dorfe gewohnt hatte. Seine Kinder wohnten alle in der Stadt, die Frauen gingen auch ins Geschäft, die Kinder brachte man unter, so gut es gehen wollte. Es war ein Leben mit wenig Sonne; aber sie waren den Schatten gewöhnt. Es ging auch so. Sie lebten doch ein Menschenleben; es gab Glück und Leid darin. Daß sie einmal eine Schwester gehabt hatten, ein kleines Kindlein, das noch irgendwo leben mußte in Pracht und Herrlichkeit, das kam ihnen nur noch wie ein fernes Märlein in den Sinn. Der Tag machte so viele Ansprüche, sie hatten keine Zeit zum Träumen. Sie wäre ihnen nicht ferner gewesen, wenn sie damals gestorben wäre.