Und er dachte auch an das Meer, das er im Traum gesehen hatte, und dachte, wenn einer sei, aus dessen Willen heraus alles geflossen sei, was da webe, so müsse es ihn ja nicht ruhen lassen, bis auch die letzte Welle seines Wesens, die er in ein Menschenkind hinein geschaffen habe, nach allem Irren in ihren Ozean zurückgefunden habe.
Und es ward ihm im Ausschreiten groß und froh zumute.
Ein Vater
1.
Es war kühl und dämmerig in dem hohen, weiten Kirchenschiff. Und still war es da. Nur fernher, gedämpft, gebrochen durch die massiven Steinwände des riesigen Baues, drangen die Laute der großen Stadt in die Stille herein. Durch die bunten Scheiben der Chorfenster fiel das Sonnenlicht auf den blumengeschmückten Altar und auf die grüne Wand der Blattgewächse, die hinter demselben aufgerichtet stand. Der Kirchendiener ging geräuschlosen Trittes auf den ausgebreiteten Teppichen hin und her, rückte an den Stühlen, die im Halbkreis um den Altar standen, und ordnete noch dieses und jenes zum letzten Male. Auf den Emporen knarrte es hie und da von behutsamen Tritten. Da fanden sich nach und nach teilnehmende Freunde und neugierige Zuschauer ein, die der Hochzeitsfeier des reichen, jungen Fabrikanten Bruckmann zusehen und zuhören wollten.
Unten im Schiff, ganz allein in den langen Bankreihen saß ein alter Mann. Er war durch die schmale Seitenpforte hereingekommen und mit schweren, stapfigen Tritten durch den weiten Raum gegangen. Nun trocknete er sich mit dem roten Taschentuch das verwitterte Gesicht, nahm die Mütze ab und sah dann still vor sich hin. Es war noch zu früh zum Anfang. Einzelne Orgeltöne schwebten durch den Raum, der Organist setzte sich in Positur; draußen hörte man Wagen vor- und dann wieder abfahren.
Die Gedanken des alten Mannes gingen in ferne Zeiten zurück. Er gehörte heute näher zu dem Fest, als all die vornehmen Gäste. Näher, als ein Mensch wußte. Er strich sich über die furchendurchzogene Stirn, wie einer, der seine fliegenden Gedanken zusammenhalten und ordnen möchte. Das ging nicht leicht. Da war so vieles, was sich ihm wieder aufdrängte, als wäre es gestern geschehen. Weißt du noch? Weißt du noch? Ja, er wußte noch.
Eine Dorfgasse sah er, still lag sie da im mitternächtigen Schein des Mondes. Der Tod ging hindurch. Zuerst kehrte er in der Villa ein, die auf dem Lindenhügel am Eingang des Dorfes stand. Zwischen Ärzten und Pflegerinnen ging er hindurch, still und unerbittlich, und nahm der jungen Mutter das Kind aus den Armen. Es war ihr einziges. Sie hatte vor einem halben Jahr seine Geburt fast mit dem Leben bezahlt, es war keine Aussicht, daß sie je wieder ein liebes Kind ihr eigen nennen dürfe. Der Gatte hielt sie umschlungen. So, miteinander, mußten sie zusehen, wie der Tod das Kind aus ihrem Haus nahm. Er hatte den Auftrag, daran war nicht zu rütteln.
Dann ging der Tod die stille Gasse hinunter, an den dunklen Häusern vorbei, bis zu einem kleinen, alten, aus dessen Fenstern ein Lichtschein fiel. Hier wartete man auf ihn, man wußte, daß er komme. Aber es war doch so schwer, ihn einzulassen. Denn er wollte das Herz aus dem Haus holen. Und das tat er nun auch. Die Kinder schliefen, es waren sieben, und das jüngste lag in einem Korb neben dem Bett der Mutter und wußte noch nichts vom Leben. Und alle miteinander wußten noch nichts vom Sterben und daß die Mutter einmal nicht mehr da sein könnte.