Zwar die schlanke weiße Hand, die sie ihm zum Abschied reichte, küßte er nicht, obgleich er gestern den französischen Rechtsanwalt so hatte tun sehen. Aber er drückte sie mit seiner ganzen neuerrungenen Kraft und sah mit ehrlichem Dank in das schöne Gesicht. Es habe schmerzlich darin gezuckt, dachte er nachher und wunderte sich, daß es ihr leid zu tun schien, daß er gehe. »Sieh’ da, echtes menschliches Gefühl,« dachte er und wußte ja freilich nicht, daß sie ihre Hand besah, als sie ins Haus zurückging. Sie hatte einen breiten roten Streifen.
Nun war er zu Hause. Er hatte es alles so gefunden, wie er erwartet hatte: blühende Wiesen, neubestellte Gärten und Äcker, Lerchen, die sich in die Luft schwangen und freilich auch viele, viele Spatzen, die sich lärmend umhertrieben und vor ausgelassener Daseinsfreude schrieen. Er ging durch die Dorfgasse, die nach dem Filial führte, in dem er Unterricht zu geben hatte und mußte sich zugeben, daß sie sehr aufgeweicht sei und ein Bauer sagte ihm, daß das im Frühjahr so die ersten paar Wochen nach dem Schneegang immer so sei. Und es fielen ihm die leuchtend weißen, glatten Straßen ein, die er dort unten gegangen war. Kinder sprangen herbei und gaben ihm die Hände und er mußte an ein anderes kleines Händchen denken, das nicht so klebrig, aber mindestens ebenso vertrauensvoll gewesen war. Wo mochte es sein? was wurde aus ihm? wer nahm es in seine Hand?
Es war ihm nicht leicht zumute, als er daran dachte.
Er meinte, er hätte es vielleicht festhalten sollen, beschützen, entführen – er wußte selbst nicht, was.
Vielleicht hätte er der Mutter mehr sagen sollen; sie hatte ja sonderbarerweise eine Art von Vertrauen zu ihm.
Denn, hilf Himmel, was machte sie wohl aus dem Kinde?
Sie führte es in der Welt herum, weil sie selber rastlos war, sie lehrte es, zu lachen, wenn sein Herzlein weinte und lehrte es, die Heimat zu vergessen über der Fremde, die Armbänder hatte und Spieldosen und Schmeicheleien statt Liebe.
Er dachte an den einsamen Mann dort in Bühringen und meinte, er hätte ihnen allen helfen sollen. Aber er wußte ja freilich nicht, wie, und sie waren ihm nun auch aus der Hand gegangen, er konnte sie nicht mehr finden. Da brannte etwas in ihm, daß man Menschenkinder müsse ins Leben hineingehen lassen, das sie verderben wolle. Er wußte plötzlich, daß ihrer viele seien, die in Gefahr und in der Fremde seien. Und er wußte, daß eine Liebe in ihm sei, die ihnen helfen wollte und die doch in sich selbst arm und machtlos dazu sei. Er sah die Menschen vor sich, die Großen und die Kleinen, die auf ihn warteten, daß er ihnen etwas bringe, das ihnen zum Leben und zum Werden helfe.
Sie hatten alle auf einmal Ellens Gesicht und Augen und sagten, – die Kleinen: wir wollen Menschen werden, denke daran – die Großen: wir sind einmal Kinder gewesen. Vergiß es nicht! – Unterdem war er an den letzten Häusern vorbei und ins Freie gekommen, da, wo sich von der Landstraße aus der Blick ins Tal auftat. Rechts hatte er hellen Buchenwald und links ging es in die Tiefe hinunter. Das Tal war noch voll von wallenden Morgennebeln, es war wie ein Meer, und darüber segelten im blassen Blau des Himmels ein paar lichte Wolken. Da dachte er an das Meer, das er im Süden gesehen hatte und wußte, daß alle die Wasser, die in den Nebeln und in den Wolken waren, in die große Flut heimkehren würden, wenn sie ihren Kreislauf hinter sich hatten.