»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie etwas in weiter Ferne. »Er hängt furchtbar an Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus seiner Haut heraus, er nicht und ich nicht. Das ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen die Welt noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im Leben.« Sie schüttelte sich, wie um aus Träumen zu kommen und sagte leichthin: »Es ist nur gut, Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu Hause.
Komm, Ellen, gib deiner armen Mammi einen Kuß.«
So besonders hochachtungsvoll war der Blick nicht, mit dem er sie betrachtete, als er nun den Hut zog und ging.
»Sie versteht so viel von ihrem Kind, als eine Kuh von einem Eichhörnchen«, brummte er vor sich hin und zertrat mit breitem Stiefelabsatz eine kleine Kröte, die über den Weg hüpfte. Das hatte er nicht gewollt. Er blieb bedauernd stehen, aber es war nun schon so. So etwas kleines ist schnell zertreten.
Am andern Tag machte er eine Wanderung ins Land hinein. Er ging den ganzen Tag, kehrte in kleinen, verräucherten Wirtshäusern ein, half einer dunkeläugigen Magd Fische in Öl backen, trank tiefroten Chianti aus dem strohumflochtenen Fiasko dazu, redete mit Fischern und Bauern, so gut es sein schlechtes Italienisch hergab, ließ sich von der Sonne durchscheinen und fing im Wandern an, zu singen und zu jodeln. Als sich das der Hals gutwillig gefallen ließ, war es ihm, als müsse er nun schleunigst umwenden und nach Hause fahren, denn nun war er ja gesund. Er blieb aber doch in einem Wirtshaus, das einsam in einem engen, schmalen Taleinschnitt unter alten Olivenbäumen stand, übernacht, fand dort eine Hochzeit, hörte bis spät in die Nacht hinein eine Musik von Dudelsack und Flöten und sah sich die Paare auf dem Steinboden vor dem Hause im Tanze drehen. Dann schlief er tief in den Vormittag hinein und als er erwachte, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er vorgestern hatte der Frau Hermelink sagen wollen. Lange, überzeugende Sätze, die alle darauf hinausliefen, daß es nicht so sehr darauf ankomme, ob das Leben angenehm sei oder nicht, wenn man nur seine Pflicht tue. Und daß man mit einigem guten Willen viel machen könne. Und noch mehreres. Er dachte, sie habe ja doch auch ihre guten Seiten und sie habe ihn ein paarmal fast gerührt. Und sie scheine einen guten Mann zu haben, mit dem sich doch leben lassen müsse. Das sagte er ihr alles in Gedanken, denn in Gedanken war er manchmal recht beredt und verstand sich gut auszudrücken.
Aber als er da lag und ihm die Sonne ins Bett schien, da waren die beiden, die Mammi und das Kind, schon unterwegs. Sie fuhren auf einem Dampfer nach dem Süden und die Spieldose stand auf der Bank neben Ellen und spielte: »o du lieber Augustin« und Ellen sagte zu dem Onkel, der sie ihr geschenkt hatte: »das ist der Frau Eidechse ihr Lieblingslied«. Da lachte er und Mammi lachte auch, und weil sie beide so fröhlich waren, lachte Ellen auch mit. Sie wußte nicht, daß Mammi sich verlaufen hatte und den Heimweg nach Bühringen nicht mehr suchen wollte und daß sie selber als ein heimatloses Kind mit auf Reisen ging. Sie sah nur das Heut, das war voll Sonne.
Er nahm Abschied von Haus und Garten und Meer und zuletzt auch von Schwester Clementine.
Er hatte sie immer ein wenig im Verdacht gehabt, daß ihr gütiges Lächeln Herablassung sei und hatte sich stolz und mannhaft dagegen betragen. Aber schließlich hatte er doch nicht mehr ganz dagegen angehen können, daß sie immer so blieb: liebenswürdig und fein und vornehm; – allerdings schien sie zu wissen, daß sie das alles sei, aber dafür konnte sie wohl nichts und er hatte es ihr verziehen und gedacht, schließlich habe sie sich auch nicht selbst zur Gräfin gemacht und es können nicht alle Menschen gleich sein.