Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte nicht, daß die guten Menschen schlecht von mir denken. Das tut mir leid, aber sie wissen vielleicht nicht, wie es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und erzogen ist.«
Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß sie ihn nun so plötzlich zum Beichtvater machte, und doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr heraus, das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er wollte sie hören.
Er saß ganz still da und war auch ein wenig verlegen, und sie war dankbar, daß er nicht redete und sagte, als müsse sie es aus sich herausschaffen: »Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun, ich ging auf Reisen, als ich drei Jahre alt war, weil mein Vater den Ort nicht mehr sehen wollte, an dem meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im Norden, bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir waren sehr vergnügt, mein Vater und ich.
Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt. Einmal war ich des Lachens überdrüssig, da weinte ich eines Abends für mich allein. Es war auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht war es, weil mein Vater kurz vorher gestorben war. Oder ich weiß nicht warum. Das sah einer, für den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte, er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und das Lachen sei nur obendrauf. Vielleicht meinte ich es damals auch, und kurzum, ich heiratete ihn und wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint. Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben in einem grünumrankten Hause, und einen solch ernsthaften, biederen Mann zu haben. Aber wissen Sie, wie es allmählich wurde?
Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger Vogel sitzt und den ein Bär bewacht. Der Bär ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht zusammen. Das ist das Ganze.«
Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier Rosen zerpflückt, es lag eine Menge gelber, schimmernder Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie, das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für Augen macht. Ganz große. Ellen, mach andere Augen. Sie hat natürlich alles gehört.«
»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«, sagte er trocken.
»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum Vogel oder zum Bären?«
Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es heftig, drei- oder viermal, aber eine Antwort gab sie nicht.
»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm, als ob er seine ganze Rede gehalten hätte, denn sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und darum stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er hatte immer noch seine Blumen in der Hand, die wollte er nun einpacken.