Sein Geburtstag
Die Lichtleskirch nannten sie es im Städtlein, das, was jetzt eben unter Orgelton zu Ende ging, und was eine Stunde lang alles, was Kinder hieß in Hohenstadt, glücklich und strahlend um zwei hohe Bäume und um viel brennende Lichtlein versammelt hatte.
So lange sie drin waren in der hohen, alten Kirche, hatten die Englein geschafft, daß es Christtag werden konnte. Den Schnee hatten sie schon zuvor hergerichtet droben am Himmel, da war eine schwere, grauweiße Wolke gehangen, und als sie drinnen anfingen zu singen: »Fröhlich soll mein Herze springen,« ließen sie draußen anfangen zu schneien. Es wurde ganz, wie es sein mußte; ein weicher weißer Teppich auf dem alten, holperigen Pflaster, eine dicke, flockige Haube auf jedem der hohen, spitzigen Giebeldächer, und geschwind in der Schnelligkeit noch eine Verzierung auf allen vorspringenden Fenstersimsen, Läden, Altanen und Staffeln. Der verwitterte Brunnenmann, der Neptun mit seinem abgebrochenen Dreizack in der Hand, lachte unter einer Pudelmütze hervor, und als das die Englein sahen, da fingen sie auch an zu lachen, denn sie waren ohnedies schon nahe daran gewesen.
Als die Kirchtüren aufgingen und es herausquoll von jungem Leben, von lauter Menschenkindern und von ihren Müttern, die zu dieser Stunde gerade so jung waren wie die Kinder auch, da huschten die Englein schnell in das dunkle Eck, unten im Glockenturm, wo die Seile zum Läuten hingen, und horchten nur von dort hinten vor auf die leuchtenden, freudigen Stimmlein der Kinder. »Mutter, guck, der viele Schnee!« »Halt, Mutter, mir ist mein Lebkuchen hinuntergefallen, jetzt ist er ganz verzuckert.« »Mutter, das Luisle hat sein Verslein nicht mehr recht gewußt.« Mutter hier und Mutter da. So muß es auch sein am heiligen Abend; da müssen lauter Mütter und Kinder beisammen sein. Und solche, die Kinder geblieben oder wieder geworden sind, und solche, die es heut abend gern sein möchten, und solche, die die Menschen liebend anschauen, wie Mütter ihre Kinder.
Der junge Pfarrverweser kam aus der Sakristei heraus und ging durch die niedrige Tür ins Freie. Er hatte sonst auch ein Kindergesicht, wenigstens sagten das die Frauen im Städtlein, die ihm aus Fenstern und Türen mütterlich nachsahen. Aber jetzt gerade hatte er keins. Er trug den Hut in der Hand und ließ sich die Schneeflocken, die jetzt seltener fielen, auf das dunkle Haar sitzen. Die Stirn hatte er ein wenig zusammengezogen, es gab drei steile, gerade Falten, die zeugten davon, daß es noch nicht recht Christtag bei ihm geworden war, obgleich er aus der Lichtleskirch kam. Das brauchte aber niemand zu sehen, darum ging er nicht über den Marktplatz und nicht durch die Gassen, sondern stieg den steilen Hang hinauf, der gleich hinter der Kirche beginnt und in den Wald führt. Dort oben am Waldrand stand eine mächtige Eiche mit weitausgereckten Armen. Eine Steinbank stand darunter und beide, die Eiche und die Bank, trugen viele eingeschnittene Namen derer, die hier oben schon Schatten, Stille und einen weiten Ausblick ins Land hinein gefunden hatten. Dorthin ging der Pfarrverweser jetzt auch. Er war schon oft auf der Bank gesessen. Im Herbst war er nach Hohenstadt gekommen, da hatte er den Wald sich färben sehen und hatte gesehen, wie die Leute ihre Gärten und Krautäcker da unten am Hang einherbsteten. Dann war er im Blätterwirbel, im Novembersturm gegangen und rings um ihn her war das rote, braune und gelbe Laub auf die Erde gesunken; er hatte sich ein kindliches Vergnügen daraus gemacht, über den farbenprächtigen, raschelnden Teppich hinzuschreiten. Nun war der Weg und die Bank verschneit und alles Lebendige war zugedeckt, wenn auch nur mit einem leichten, weißen Tuch.
Als er oben war, hatte das Schneien aufgehört. Über der jenseitigen Höhe stand schon, von einem breiten Riß in der Wolkenscheibe freigegeben, ein blasser Stern, und nun kam auch die Mondsichel heraus. Unten im Städtlein erglänzte da und dort eine Fensterscheibe, eine Straßenlaterne. Es wollte Abend werden, heiliger Abend.
Aber hier oben war es nicht heiliger Abend, noch nicht. In ihm selber nicht. Er hatte noch keine Predigt für morgen; oder ja, er hatte eine, ein trockenes, seelenloses Gemächte, er konnte sie nicht halten. Als es ihm in all den letzten Tagen nicht glücken wollte, da hatte er zuerst die für den zweiten Feiertag gemacht, dann die nächste. Die lagen geschrieben in seinem Pult. Aber eine Christfestpredigt, die fehlte ihm noch. Es war so schwer, sie zu machen, und so schwer, sie zu halten. Ja, mit den Kindern vorhin, da hatte er leicht und fröhlich reden können. Sie waren mit freudeglänzenden Augen rings um den Altar her gesessen und hatten ihre Lieder gesungen, daß es schallte, und als er nachher mit ihnen die Weihnachtsgeschichte durchsprach, da war immer ein helles Stimmlein eifriger als das andere.
»Hat’s denn die Hirten auf dem Feld draußen nicht gefroren?« »Nein.« »Warum denn nicht?« »Weil sie so eine große Freude gehabt haben.« »Warum haben sie denn so eine große Freude gehabt?« »Weil der Christtag gewesen ist.« »Ja, woher haben sie denn das gewußt?« »Der große Engel hat’s zu ihnen gesagt.« »Was hat er denn gesagt?« »Er hat gesagt, das Christkindle liegt schon im Stall drin.« »So? und wer ist denn das Christkindle?« »Der liebe Heiland.« »Kann mir denn eins sagen, wie der Engel gesagt hat?« Das konnte nicht eins, das konnten dreißig und mehr.
Ach, wie herzerfreulich war doch das. Die Mütter, das sah man ihnen an, sagten es im stillen mit, und er selber sagte es im stillen mit; es war lauter Freude.