»Waren denn noch mehr Engel da?« »Ja, eine ganze Schar.« »Hat man sie denn gesehen?« »Gesehen und gehört.« »So, wie denn?« »Sie haben so arg schön gesungen.« »Könnet ihr denn auch so schön singen?« Freilich konnten sie das. »Ja, dann singet’s einmal.« Da wurden die alten Kirchenmauern auch vergoldet wie damals die nächtlichen Felder durch die klingenden Stimmlein, die lobeten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«
Und sie geleiteten die Hirten hinein in das schlafende Städtlein, und er wehrte den Kindern nicht, daß sie ihnen ein Lämmlein, ein weißes, wolliges, mitgaben für das Kindlein, und sie standen vor dem Stall, über dem der goldene Stern mit dem langen Strahlenschweif glänzte, und gingen hinein, da lag das Kindlein, und seine Mutter war da und der alte Vater Joseph und das Öchslein und das Eselein. Das alles hatten die Kinder schon hundertmal gesehen; es war auf den Bildchen so, die sie heut geschenkt bekamen, und stand in Holz und in Wachs nachgebildet daheim unter dem Christbaum. »Woran haben sie denn das Kindlein gekannt und seine Mutter?« »Sie haben einen goldigen Schein um den Kopf herum gehabt.« »So, so, und dann auch an dem Kripplein, gelt und an den Windeln?«
Er hatte ihnen nichts gewehrt von all dem Glast und Schein; er hatte selber das Denken vergessen vor lauter herziger, weihenächtlicher Freude an der Freude der Kinder.
Aber es war gewesen wie in einem schönen, schönen Märlein, und nun strich der kalte Hauch aus der Welt der Erwachsenen über ihn hin. Was sollte er den Großen sagen? denen konnte er das nicht erzählen. Er hatte nichts für sie, und wenn er sich recht besann, dann hatte er auch nichts für sich.
Wenn das Denken nicht wäre! Aber das ist eben, und eigentlich möchte man es ja auch nicht anders haben. Nur daß der goldige Glanz davor erbleicht, der einen als Kind so gefreut hat, der ganze Zauber, der um den Christtag herum ist. Aber so geht’s: zuerst erfährt man’s, daß alles das Schöne, vom Christbaum an, nicht direkt vom Christkindlein kommt, sondern von den Eltern; dann, nach und nach, geht’s ans Christkindlein selber, dann löscht ein Lichtlein ums andere aus. Was soll man dann so Besonderes predigen?
Da fiel ihm ein Brief ein, den ihm voriges Jahr um diese Zeit seine Schwester geschrieben hatte. Sie war eine fröhliche Kindermutter, und sie hatte ihn immer besonders gut verstanden.
»Er ist der Schönste und Liebste,« schrieb sie, »und es gehört sich, daß man sich an seinem Geburtstag freut. Darum machen die Mütter den Kindern ein Fest, und Alle, die einander lieb haben, machen einander ein Fest, weil er geboren worden ist und weil es gut für uns ist, daß er gekommen ist.«
»Ja, ja, Maria,« dachte er für sich hin, als es ihm einfiel, »du hast gut freuen, wenn dich deine sechs Kinderaugen ansehen, – nein, acht sind es jetzt, seit dir das Kleinste in der Krippe, will sagen in der Wiege liegt. Ich möcht’ auch dabei sitzen und mich nicht besinnen müssen, was wahr ist und was dazu erfunden. Die Mutter wäre dann auch da. (Denn die Mutter wohnte bei der Schwester; sie war ein wenig kränklich, und dann brauchte man sie auch als Großmutter ganz notwendig.) Ich aber, ich soll etwas Freudiges geben und habe doch nichts. Ich bin nicht froh, Maria.« Aber leis wiederholte sich doch das Wort in ihm: Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. – »Ja, ja, aber man sollte still sein dürfen, bis einem die Freude darüber das Herz füllt und überläuft, daß man es dann sagen müßte. Dann könnte man den goldigen Schein und das Engelsingen gut vermissen, es täte dann nichts. Man sollte froh sein, wenn man eine Christtagspredigt macht, tief innen drin froh.«
Drunten im Städtlein glänzten nun immer mehr helle Fensterscheiben auf. Die Kirche, die lag jetzt schwarz und schwer im Dunkeln, daneben war das Pfarrhaus, man sah es nur von hinten hier oben. Es hätte ja auch keine hellen Fenster gehabt, wenn man es gesehen hätte. Es war niemand drin. Frau Beseler, das Pfarrhausfaktotum, die ihm die nötigen Dienste tat, die war nun bei ihren Enkelein am anderen Ende des Städtleins. Er wußte schon, wie es war, wenn er hinunter kam. Die Studierstube war warm, die Lampe stand zum Anzünden bereit, auf dem Tisch stand der Spirituskocher zum Teemachen und irgend etwas Kaltes zum Essen lag dabei: das war immer so und es genügte ihm auch sonst; aber es war nicht christtäglich. »Daran will ich jetzt nicht denken; wenn mir nur etwas Frohes einfiele, etwas Wahres für die Großen. Etwas, das nicht nur so geredet ist, etwas, das ich ihnen schenken kann, weil ich’s auch geschenkt gekriegt habe.«
Droben am Himmel brannten jetzt die Sterne, da ein Häuflein und dort eins, zwischen Wolken heraus. Der ganze Wald stand schweigend da, als ob er auch den Atem anhielte und wartete, ob der junge Pfarrverweser etwas geschenkt kriege. Der sinnierte weiter. »Einen Brief werde ich antreffen, wenn ich hinunterkomme, von der Mutter einen, und vielleicht auch von Maria. Und, wer weiß, ein Paket. Es sind selber gestrickte Strümpfe drin, und Springerlein und Lebkuchen, und vielleicht eine Pelzkappe; die habe ich mir gewünscht. Und sie schreiben mir, daß sie mich vermissen am Christtag, und daß man nun eben von Weitem in Liebe aneinander denken müsse, und so weiter. Nun will ich hinunter gehen und den Brief lesen, den Lukas einst geschrieben hat und der aus so ferner Zeit zu uns herüberredet, und – und will vor mich hinsagen: Es ist gut für uns, daß er gekommen ist; man muß sich freuen, weil sein Geburtstag ist.«