Aber er stieg nicht schnell und nicht mit der leichten Schwingung, die die Freude gibt, hinunter. Nun war er an der Kirche. »O du Haus, du Sorgenhaus!« Er sagte es aber nicht ohne Liebe; er hatte einen Zug zu dem Haus, nur freilich, Sorgen machte es ihm ja dennoch. Nun um die Ecke und –

Das war aber doch sonderbar, da waren die drei Fenster seiner Studierstube hell, viel heller, als sie sonst schienen, wenn die Stehlampe brannte. Sollte Frau Beseler da sein? sie hatte sich aber doch ausdrücklich verabschiedet für den Abend. Da stieg er die dunkle Treppe hinauf und durchschritt den mächtigen Oehren, in dem ein kleines Lämpchen brannte, und machte die Stubentür auf, – da saß in dem großen Lehnstuhl, den er von seinem Großvater ererbt hatte, ein kleines, altes Fraulein, das er so gut kannte, so gut. »Mutter, du.« Da lag auch schon der Hut auf dem Tisch, und der starke junge Mann hatte die alte Frau auf dem Arm und drückte sie an sich, wie eine Liebste, und trug sie in der großen Stube umher, bis sie, da alles Zappeln und Schelten nichts half, ihn tüchtig ins Ohrläppchen kniff, daß er sie niederlassen mußte. Unterwegs hatte sie die großen weichen Schuhe verloren, die ihr viel zu weit und zu lang waren. »Hast du meine Hausschuhe gefunden, Mutter?« »Ja, unter dem Bett den einen und unter dem Waschtisch den anderen. Du hast sie hinten hinuntergetreten, sie sehen bös aus. Ich habe in der Lichtleskirch kalte Füße bekommen.« »In der Lichtleskirch, Du?« »Ja, ich, – ich bin gleich vom Zug aus hineingegangen, ihr habt grad gesungen: O du fröhliche.«

»Daß Du gekommen bist, daß Du gekommen bist!« Er saß jetzt auf dem Boden vor ihrem Stuhl und hatte sein allerhellstes Knabengesicht. »Ja, gelt, da staunst du. Aber ich habe müssen, es hat mir keine Ruh’ gelassen. Immer hab’ ich gedacht: wir sind da so schön beisammen und freuen uns, und der Paul ist ganz allein.« »O Du, Du Mutter.« »Und die Maria hat auch noch geschoben. So leid mir’s tut, hat sie gesagt, wenn du nicht da bist am Christtag, so mußt du doch gehen. Ich spür’s, er ist nicht vergnügt, hat sie gesagt. Bist du’s?« Sie schob ihn ein wenig von sich und sah ihm in die Augen. »Wenn du da bist, Mutter.« »Nein, sag.« »Jetzt sag’ ich gar nichts sonst, als daß ich den Christtag spüre, seit ich dich da sitzen sah in dem Stuhl. Es ist mir wie ein Wunder.«

Da gingen seine Augen in der großen Stube umher. Sie war freilich heller als sonst, das hatte er von unten herauf richtig gesehen. Zwei große, dicke Wachslichter brannten auf dem Schreibtisch und zwei auf dem Eßtisch und in der Ecke an der Wand steckte ein Weißtannenzweig mit vier weißen Lichtlein. Sie brannten still und hell und das Wachs und die Tannennadeln rochen nach Weihnachten. »Nachher mußt du ein wenig hinausgehen, wie ein kleines Kind, ich muß dir deine Bescherung richten,« sagte die Mutter, »ich habe einen schweren Reisesack mitgebracht. Sieh, da steht er.« Es war alles so unsäglich heimelich. Der Reisesack war von dunkelgrünem Plüsch und hatte schon so viel erlebt, daß man ganze Bücher über ihn hätte schreiben können. Der Sohn nahm ihn in den Arm. »O, ich spürs, da unten im Eck ist ein Schnitzlaib, und da rollt etwas umher, das sind Nüsse und Äpfel. Laß mich einmal hineinriechen, Mutter.« »Du Kindskopf, du hast immer noch nicht warten gelernt, du willst immer gleich alles sehen und haben.« »Ja, das muß ich. Du, Mutter!« »Was?« »Du mußt mir nachher helfen meine Predigt machen.« »Welche Predigt?« »Auf morgen früh.« »Ja, Kind, das ist doch dein Ernst nicht, daß du die noch nicht hast?« fragte die alte Frau erschrocken. »Doch, Mutter.« »Aber Bub, du unbegreiflicher Bub, und da läufst du noch im Wald herum bei Nacht und Nebel und mußt dafür in die heilige Nacht hinein studieren.« »Ich hab’ sie da oben holen wollen und hab’ sie nicht gefunden, ich glaube aber, du hast mir eine mitgebracht.« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Das versteh’ ich nicht, Paul. Ich glaub’, die Maria hat rechtgehabt, daß etwas bei dir nicht im Blei ist. Ich kann dir nichts helfen beim Studieren, ich bin eine alte, einfache Frau. Ich hab’ gemeint, da setze man sich hin und schaffe drauf los, bis man’s beisammen habe.« »Sei nur zufrieden, Mutter, das tu’ ich sonst auch. Du sollst nur dahinein sitzen in den Lehnstuhl, daß ich dich sehen kann, wenn ich mich umdrehe.« »Ja, dann müssen wir zuerst zu Nacht essen. Deine Frau Beseler hat mir die Schlüssel gegeben, da hab’ ich derweil, bis du gekommen bist, alles gerichtet. Hörst du nichts im Ofen protzeln?« »Doch, jetzt, seit du’s sagst.« »Riech’ einmal, was es ist.« »Es riecht alles zusammen nach Christtag, sonst fällt mir nichts ein.« Da war es ein junges Häslein; es war schon gebraten mitgekommen; es mußte nur wieder warm werden.

»Eine Flasche Wein hab’ ich auch mitgebracht, aber wenn du noch studieren mußt, wird’s nichts damit sein?« »Doch, Mutter, ein einziges Glas, wir müssen doch anstoßen. Du, Mutter!« »Was?« »Sag’ mir’s, warum bist du zu mir gekommen?« »Du fragst aber auch Sachen.« Sie sah ihn an mit ihren guten Augen, die es ganz von selber sagten. »Das weißt du doch. Weil ich dich lieb habe, du dummes Kind.« Sie sagte heut immer Kind zu ihrem langen Sohn. Der schluckte zu seinem Essen hin jedes gute Wort in sich hinein und trank mit jedem Tropfen des roten Weines einen Blick aus den mütterlichen Augen, die aus tausend Fältchen heraus so voll warmen Lichtes blickten, als seien sie Fenster an einem guten Haus, und in dem Haus sei Weihnachten.

Dann setzte sich der junge Pfarrer an seinen Schreibtisch. Die Lampe durfte jetzt nicht brennen, er wollte im Schein der Wachskerzen studieren; sie waren dick, sie konnten noch stundenlang brennen. Hinter ihm saß im Lehnstuhl die alte Frau. Sie hatte wieder die großen Schuhe an und hatte ein warmes Tuch um Hals und Schultern. Den Kopf lehnte sie an das weiche Polster und die Füße stellte sie auf den Reisesack. »So ists gut, jetzt schaff nur und denk nicht an mich; ich hab meine Unterhaltung in mir drin.« »Was ists für eine?« fragte der Sohn. »Ach, Kind, wenn man’s schon so oft hat Weihnachten werden sehen; da muß man lang, lang zurückdenken; Eins ums Andere fällt einem ein. Es ist nicht immer alles schön gewesen, aber so beim Drandenken, da wirds immer schöner.« Dann machte sie die Augen zu, um in sich drin die alten Zeiten zu Gaste zu laden, und nach einer Weile hörte der Sohn sie tiefer atmen. Und auf ihn senkte sich, da er nun die liebe Frau schlafend sah, eine köstliche Ruhe, wie er sie lange vergebens begehrt hatte, und lichte, stille Gedanken kehrten bei ihm ein, es war kein einziger gequälter mehr dabei.

»Sie ist zu mir gekommen, weil sie mich lieb hat.«

Dann ging er im Zimmer auf und ab. »Sie hat mich nicht so allein lassen wollen. Sie hat’s schön gehabt daheim bei den andern. Aber das hat alles nichts geholfen, wenn sie gewußt hat, daß ich nicht froh bin.« Er hätte ihr die Hände küssen mögen, die so müd in ihrem Schoß lagen; aber eine solche Zärtlichkeit war nicht bräuchlich zwischen ihnen, und er wollte sie auch nicht wecken. Und doch gab sie ihm seinen Predigttext: »Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. Denn er hat uns Menschen lieb gehabt und wir können es brauchen, daß man uns lieb hat.« Da setzte er sich wieder nieder und schrieb und schrieb, und sah sich hie und da wieder um nach dem lieben Frauenbild.

Hinter ihm regte sich etwas. »Mutter?« »Ja, Kind, bist du fertig? es muß ja spät sein, bist du arg müd?« »Nein, nein, ich bin ganz frisch und ganz froh.« »Das ist doch sonderbar, jetzt hat mir geträumt, du seiest ein ganz kleines Kindlein und ich habe dich auf dem Schoß und ziehe dich ganz fein und schön an. Und der Vater ist dazu gekommen und hat gesagt: Was machst du auch für einen Staat mit dem Buben, wenn er größer wär, du tätst ihn eitel machen. Und ich habe mich gewehrt und gesagt: Mann, was man so lieb hat, das schmückt man, so gut man kann; es kann einem gar nicht schön genug sein.« Die alte Frau mußte den Kopf schütteln über den Traum, den ihr liebreiches Mutterherz ihr eingegeben hatte, aber noch mehr über ihren großen Sohn, der nun neben ihr auf der Armlehne des Stuhls sich niederließ und ganz dringlich sagte: »Ja, ja, Mutter, gelt, und man schmückt es mit Sternen und Himmelsglanz und mit Engelgesang und schafft aus lauter Liebe wunderbare Mären, die alle von Herzen wahr sind, weil sie die Liebe geschaffen hat.« Das war so sonderbar, halb gemahnte es an die Weihnachtsgeschichte, aber das konnte ja doch nicht sein. Mären! Sie richtete sich vollends auf und sagte: »Du träumst auch, Kind, im Wachen träumst du. Es wird’s doch der Wein nicht machen?« »Nein, Mutter, die Christnacht machts.« Und er hatte sein echtes, rechtes Kindergesicht dabei. Wenn ihn so die Maria sähe! dachte die Mutter voll glücklichen Stolzes. Laut sagte sie: »Hast du deine Predigt fertig?« »Meine? Deine, Mutter.« »Ach, du redst Sachen; sag’s im Ernst.« »Du wirst’s morgen schon hören in der Kirche.« Da wurde sie ärgerlich. »Ich setze keinen Fuß hinein, wenn du ein einziges Wort von mir sagst.« »Sei nur zufrieden, Mutter, es merkt’s niemand, als Du und ich.« Und da küßte er nun auf einmal doch die alten, abgeschafften Hände. Sie entzog sie ihm, aber nur, um mit ihnen den dunklen Kopf auf ihre Knie herabzuziehen; da lag er, still und fest, wie er einst als kleines Kindlein darauf gelegen war. Und es war, wie es am heiligen Abend sein muß, wo Mütter und Kinder beisammen sein sollen.

»Du Paul.« »Ja?« »Willst du jetzt noch deine Bescherung bekommen?« »Ich hab sie schon, Mutter!« »Aber, Kind, der Reisesack ist doch noch zu und noch voll, das ist dir sonst nicht so einerlei gewesen.« »Ja, Mutter, dann pack nur aus. Man kann gar nicht genug geschenkt kriegen, gib nur her, so viel du hast.«