Es war jedoch die Schar derer, welche meine Äußerungen billigten und sich nun in Sympathiekundgebungen überboten und sich entrüsteten und wollten, daß ich meine Meinung über Dresden nicht nach den Erfahrungen dieses Abends bilde; und eine alte Frau sprach von dem Schaden, den sie durch die Aufregung davontrug, ermahnte mich aber dabei auf eine so merkwürdig eindringliche, so wissende, so atemlose Art, niemals meine Worte zu bereuen, daß ich zum ersten Male in innere Bewegung geriet; aber gleich darauf wurde ich wieder munter, und Kampflust lebte wieder auf, denn war da im Hintergrunde nicht mein Ritter, der sich mir zu nähern suchte? Während er mich so umringt und nach allen Seiten danken sah, kam er sachte auf mich zu. Richtig, und er sprach mich an. „Ich habe Sie gewarnt,“ sagte er verbindlich.

„Nein — ich habe Sie gewarnt!“ gab ich mit meiner schrillsten Kopfstimme zur Kenntnis. „Sie werden sich erinnern . . .“

„Ich habe Sie gewarnt! Dreimal!“ unterbrach ich ihn so weit vernehmlich, und so entschlossen, das letzte Wort, das er mir abgeschnitten hatte, diesmal zu behalten, daß er es vorzog zu entschwinden.

Aber die Entrüstung über ihn, wie meine Partei sie äußerte, brachte ich nicht auf. So weltkundig war ich seit einer Viertelstunde geworden. — Hier war einer, der es für Wahnwitz hielt, es mit den Alberichen der Presse, was immer er im stillen über sie dachte, offen zu verderben. Indem er Deckung suchte, tat er nur, was fast alle anderen taten. Bei dem Schmaus, zu dem er sich jetzt begab und bei dem ich hätte präsidieren sollen (himmlisch!), würde es ohnehin schwer auf ihn niederhageln. Sollte ich ihm grollen, daß er schnell seinen Schirm aufriß? Sah er denn wie ein Desperado aus? — Langsam von Begriffen, zog ich doch schnell meine Konsequenzen, und viel eher wunderte ich mich jetzt über die kleine Schar, die zu mir hielt.

Für den Rückzug ins Hotel war mir sogar eine Leibgarde von vier Damen geblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und wir gingen zu Fuß. Sie boten mir ihren Schutz, ihre Häuser, ihre Gastfreundschaft, — aber ich hatte nur den Wunsch, möglichst schnell von Dresden fortzukommen. „Wollen Sie mir beim Packen helfen?“ fragte ich sie und nahm mein unbekanntes Quartett zu mir hinauf.

Hurtiger war ich noch nie reisefertig geworden, aber so dankbar ich ihnen war, so gut besonders die eine von ihnen mir gefiel, der Wunsch allein zu sein, wurde mit einem Male übermächtig. Und als sie mich verließen und ich die Türe hinter ihnen schloß, gedachte ich die wenigen Stunden bis zum trüben Morgen zu verschlafen.

Doch kaum hatte ich das Licht gelöscht und die Augen geschlossen, da warf sich ein Frost über mich her und schüttelte mich, daß meine Zähne immer wieder zusammenschlugen. Aber zugleich schlug auch eine wirklich beseligende Trauer wie ein Mantel über mich hin; und jetzt erst war ich mir bewußt, was dieser Abend mir selber bedeute: — Ein Stein, der mich fast erdrückte, war von meinem Gewissen fortgewälzt, und ich hatte mir eine Lichtung inmitten des Gestrüpps und einen Weg erfochten. Dies und noch etwas anderes.

Nie ist der Mensch so wahrhaft er selbst, wie in Momenten, in denen er, seiner selbst kaum mehr bewußt, nicht mehr weiß, daß er Augen hat und ein Gesicht, und nichts mehr von seinen Händen weiß und gleichsam ohne Füße wandelt. Und nie ist er doch so restlos er selbst, — wer erklärt das? — als wenn eine Idee ihn allem Persönlichen so weit entreißt, daß er — nur mehr ein Kleiderfetzen, nur ein Schemen mehr — dennoch höchstem Gefühl des Seins teilhaft wird, während er doch in solchen Augenblicken sein Leben, schier ohne es zu merken, verlöre.

Die Laternen brannten noch, als ich zur Station fuhr, und als die Dresdener sich ihres Morgenkaffees erlabten und ihre Morgenzeitung entfalteten, stieg ich schon am Anhalter Bahnhof aus. — Doch von Berlin erzähle ich dir ein anderes Mal.

Siebenter Brief