Es waren die zwei Sätze, die Ariel mir geschenkt hatte.
Doch nichts vermochte mehr die frostige Atmosphäre zu heben. Ich suchte die lichteren Gesichter und konnte sie nicht mehr finden. Lag es an mir, oder hatten sie sich von mir abgewandt? Ich war allein; auf meinem Podium wie auf einer Klippe; unter mir eine kalte unruhige Flut. Es mißfällt ihnen alles, dachte ich resigniert; aber nur Mut! Jetzt kam schon die vorletzte Seite und dann wars überstanden.
So können wir gar nicht verstehen, sprach ich frei und brauchte keinen Blick in das Heft zu werfen, daß die Völker sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Regierungen hat man davon gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den „Matin“ einzuschreiten, der, schlimmer als eine russische Knute, Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt. Aber in jedem Lande gibt es Erscheinungen, welche dem „Matin“ nacheifern . . .
„Infamie!“ schrie ein Getroffener auf
Der Mann mit den weißen Haaren war vom Stuhle gesprungen. „Eine unerhörte Gemeinheit!“ rief er laut durch den Saal, und ihn quer durchschreitend, ging er empört zur Türe. Ein dritter hatte sich von seinem Platz erhoben und schleuderte jetzt in den hohen Wellengang eine Rede aus dem Stegreif gegen mich. Ich sah einen bärtigen Kopf, von Haß entstellt, und sah ihn so deutlich, daß mich eine Ruhe, eine Genugtuung, eine Kühle überkam, wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens emporgeweht, und ich diesen Wutausbruch als eine Ehrung entgegennahm. Denn ich hatte ja recht, und was ich sagte, war ja wahr. Hätte man nur zehntausend hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben, dachte ich geradeaus starrend, hätte man nur zehntausend von diesen Erzfeinden zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt über die urteilslose Masse mißbrauchen, in allen unseren Ländern den gesunden Kreislauf im Blute unserer Völker unterbanden, und wo immer diese überzugreifen und nach Ergänzung strebten, hintanhielten und endlich zurückwarfen, weiß der Teufel auf wie lange, hätte man sie nur rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterkläffen von allen Ufern des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Millionen Unschuldiger, so hätte man heute nicht in allen Ländern, welche dieses Rote Meer umgrenzen, man hätte heute nicht das Schauspiel junger Krüppel, junger Blinder, überfüllter Narrenhäuser, zu Greisen geschlagener Jünglinge, und gute friedliche Völker, die sich liebten, ja die sich liebten, sie, die sich liebten, hätten nie daran gedacht, sich Leid zuzufügen ohne Euch, die Ihr Euch hergabt zu Urhebern aller Greuel, indem Ihr sie erzähltet, wo Ihr sie nicht erdichtetet, so daß sie gleich alle als „Repressalien“ entstanden! Ja, hätte man zehntausend hetzerische Journalisten aus unseren Ländern zusammengetrieben und gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in all diesen Ländern heute am Leben! Statt dessen seid Ihr es, die Ihr noch lebt, die Ihr den Glauben an die Menschheit und an die menschliche Güte vergiftet habt, die Ihr einer bösen Schwäre gleich Europa von einem Ende zum anderen überzieht, Ihr, die Hetzer, die Mitschuldigen an diesem Kriege, deren Knochen, wie die der Schächer, hätten zerbrochen werden sollen, bevor wir zuließen, was jetzt geschieht! —
Aufgewühlt von solchen Gedanken, starrte ich geradeaus, während der Mann seine Gegenrede hielt. Aus groben Platitüden zusammengesetzt und im wüstesten Zeitungsstil gehalten, war sie doch von großer Geläufigkeit und schloß sehr wirksam mit der Aufforderung, ich sollte doch hinabsteigen in die Gräber, um mich von den Verstümmelungen und ausgestochenen Augen, an die ich nicht glaubte, zu überzeugen; für eine so billige Emphase heimste er dann den ganzen, schönen, ursprünglich für mich gedachten Applaus für sich selber ein.
Aber der jungen Schauspielerin eingedenk, trat ich zwei Schritte vor und bestand auf meinem Recht, zu Ende zu reden. Doch siehe: mein Ritter wars, welcher da mit offenem Visier auf das Podium stürzte und mit gesenkter Lanze an meine Seite stob, um jede Verantwortung für meinen Vortrag weit von sich zu weisen. Hätte er geahnt . . . und er berief sich jetzt auf das Generalkommando, welches auch nicht geahnt hatte. O wie anders waren jetzt seine Sorgen als am Vormittag! Wie ferne war Cosmopolis, und wie vergessen die Vettern in Paris! Das Dresdener Publikum hingegen erhob er jetzt zum Richter über mich, auf daß es entscheide, ob ich zu Ende reden dürfe oder nicht.
Nun waren Ja-Rufe die erste Antwort auf diese Frage; sie wurden aber sofort von wütenden „Nein“ niedergeschrien, und was jetzt entstand, darüber konnte kein Zweifel sein, war ein regelrechter Tumult. Und sah ich recht? — ballte da wirklich ein ehrenwerter Herr die Fäuste gegen mich?
Mein Staunen war grenzenlos. Trotz aller Warnungen meiner Freunde und ihrer so bestimmten Prophezeiungen über die unausbleiblichen Folgen meines Tuns, stürzte ich von allen Höhen angesichts des Sturmes, den ich heraufbeschwor. Offen gestanden hatte ich mir — nie ernsthaft natürlich, aber in Momenten der Müdigkeit und zur Kurzweil — hatte ich mir ausgemalt, wie ein rabiater Reporter mir auflauern würde, und ich wie Brutus vor der Türe zusammenbrechen, hierdurch aber die gute Sache unendlich fördern und den großen internationalen Generalstreik gegen jegliche Hetze sogleich und überall beschleunigen würde. Ja, sogar der Möglichkeit einer kleinen Gedenktafel hatte ich schon in Gedanken vorgegriffen, nur die eines Tumultes hatte ich nie erwogen, und ich fiel von allen Himmeln, als er einsetzte. Denn ich hatte ja recht. Und was ich sagte, war ja wahr. Indessen war die Situation auch für den Unbelehrbarsten nicht zu verkennen: eine wüste Skandalszene, als deren Mittelpunkt ich hier oben stand inmitten einer gegen mich gerichteten Majorität, oder falls es eine Minorität war, machte sie jedenfalls den größeren Spektakel, so daß sie einer Majorität gleichkam. Kurz entschlossen griff ich da zu meinem Heft, nahm meinen Muff, und ohne einen Gruß (hätte ihn doch gerade der mit den geballten Fäusten für sich nehmen können!) verließ ich das Podium und war fort.
Doch kaum hatte ich das Künstlerzimmer betreten, als es von der anderen Seite gestürmt und die gegenüberliegenden Türen aufgestoßen wurden. Vom Saal her tönte noch ein so wilder Lärm, daß ich angesichts dieser fremden und aufgeregten Leute, die alle auf mich eindrangen, unwillkürlich zurücktrat.