Als er mich verließ, war es höchste Zeit, mich umzuziehen. Die Hoteljungfer half mir dabei. Und wie gefällig, wie sorgfältig sie war! Sie erzählte von ihrer Existenz; es interessierte mich. Aber plötzlich sagte sie: „O es ist spät!“ Da faßte mich ein großes Entsetzen. Ich eilte hinunter; es war kein Auto zur Stelle, und es kam auch keines. Erst nach langem Warten fuhr ein alter Fiaker mühselig vor, und indes der Zeiger über die achte Stunde immer weiter hinaus rückte, zog er mich gemach durch die Dunkelheit.

Doch grelles Licht ergoß sich über die Treppe des Künstlerhauses, und blendende Flächen, von Finsternis umhaucht, zogen sich kreisförmig über den Platz. Nirgends ein Kommen und Gehen mehr. Ich stieg allein und verspätet die Stufen hinauf. Durch eine zufällig sich öffnende Tür sah ich den Saal in der vorgeschriebenen Beleuchtung.

Alle waren versammelt, vertrieben sich plaudernd die Zeit, und es fehlte nur ich. Befrackt — und unruhig, und doch beglückt, eilte mein Ritter durch die Gänge auf mich zu: das Generalkommando hatte soeben den Vortrag bewilligt. Es war also richtig niemandem eingefallen, ihn mir vorher abzufordern. Aber wie ein anderer Benvenuto Cellini hatte ich stets gewußt, — ohne zu wissen, — daß es so kommen würde. Im Künstlerzimmer wartete auch schon ein älterer Herr, um mir in aller Form das Honorar zu überreichen. Ich unterschrieb — schob es in meinen Muff, und mein Ritter —, ritterlich zum letzten Male, bot mir den Arm. Es war ein Weg, den ich aber lieber allein ging, hatte ich doch keinen einzigen Freund, keinen einzigen Bekannten im Publikum geduldet. Ich dankte also.

Es sei Zeit, sagte er zurücktretend.

Da stieg ich schnell die paar Stufen hinauf und öffnete die Türe des Saales. —

Doch unwillkürlich machte ich eine Geste und betrat ihn wie einen Salon. Denn angesichts dieser versammelten Menschen überkam mich, zwischen Türe und Pult, mir selber unerwartet — statt Befangenheit, das größte Sicherheitsgefühl meines Lebens. Es verließ mich auch dann nicht, als ich vor meiner Stimme erschrak. Die Gesichter waren deutlich erkennbar: ein Mädchen und ein junger Mann, Geschwister, wie mir schien, ein Herr in Uniform, einer, dessen weiße Haare hervorstachen, zwei andere in mittleren Jahren, mir schon von der zweiten Seite an abhold. In den vorderen Reihen ältere Damen. Ich hielt mich an die jungen Gesichter. Sie zeigten Interesse, wohlwollende Neutralität.

Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob herrschten, sagte ich, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich die Luft Europas durch dieses Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen, und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen sollen, noch liegt hier Pietät für die Gefallenen. Umsonst sind heute die Erschlagenen, die nichts mehr wissen von unserem Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur besiegelten.

„Sie verstehen gar nichts!“ schrie einer.

Ich achtete dessen nicht. Niemand, sagte ich, mit meiner Kette spielend, gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen mit einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen Berührungen verteidigen . . .

„Wie anders ist die Haltung der Offiziere! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manchen Pfahlbürgers hat schon durch eifriges Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueln der Gegner peinlichen Schiffbruch erlitten.“