„Ah — ich dachte, wir seien unterbrochen.“ Und er fragte, um welche Zeit er die Ehre haben würde, von mir empfangen zu werden.

„Um fünf Uhr.“

Er bat mich mittlerweile, den Saal des Künstlerhauses anzusehen und dort meine Bestimmungen zu treffen. Ein Auto brächte mich in wenigen Minuten hin.

Ich nahm die Elektrische. — Wie eine Sächsin mitten unter Sachsen fuhr ich dahin, bis mir der Schaffner sagte, hier sei die Albertstraße. Das Künstlerhaus stand hart vor mir. Ob mich ein Herr oder ein Fräulein zum Saal geleitete, weiß ich nicht mehr, meine Wünsche aber, welche der stellvertretende Herr ebenso viele Befehle genannt hatte, sollten sich durchwegs als weise Vorkehrungen ergeben, insbesondere die Aufstellung des Pultes in nächster Nähe der Türe. Sanft, aber bestimmt verordnete ich Seitenlicht, Stehlampe und Halbdunkel. Immer dabei in die Luft sehend, wie die Schauspielerin mir gelehrt hatte; jeder Zoll die routinierte Rednerin. Guten Tag.

Und dann ging ich spazieren. Immerzu. Es regnete. Jedoch ich lief wie eine Uhr. Die Museen und Kirchen waren geschlossen; die Brühlsche Terrasse, umfinstert und naß, lockte nur mich. Feldeinsam, und der Elbe zugewandt, stellte ich mich dort auf und sagte den ganzen Vortrag probeweise noch einmal her, die Stelle über die Journalisten mit besonderer Betonung.

„So können wir gar nicht verstehen,“ rief ich mit aufgespanntem Schirme und mit meiner Kette spielend den triefenden Bäumen und den umnebelten Ufern zu, „so können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie sich die noch nicht verbaten. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Man hat schon Regierungen davon gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den ‚Matin‘ einzuschreiten, der schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt. Aber in jedem Lande,“ fuhr ich mit erhobener Stimme fort, „gibt es Erscheinungen, die dem ‚Matin‘ nacheifern, ohne ihn zu erreichen; es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der Lüge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse entstünde.“

Der langweilige Tonfall des Regens gab mein einziges Echo ab; das war jetzt. Heute abend würde man nicht umhin können, mir hier zuzurufen. Der großen Mehrheit würde ich mit diesen Worten aus der Seele sprechen. Ärgern konnten sich da nur die paar, die sich getroffen fühlten. Aber was wollten sie machen?

Ich hatte ja recht. Was ich sagte, war ja wahr. Ein bedenkliches Omen war nur dieser Mangel jeglichen Lampenfiebers. Besann ich mich recht? Es galt, die Probe zum ersten Male zu bestehen. Aber selbst, als es schon dunkelte, und auf dem Heimweg noch waren meine Gedanken unbeteiligt.

Indessen harrte schon mein Ritter, der betriebsame und stellvertretende Herr in der Halle des Hotels. Er war klein und schwarz. Das Generalkommando hielt noch immer mit seiner Genehmigung zurück und machte ihm Sorgen. Sie würde schon kommen, beruhigte ich ihn. Es war ein langer Besuch. Die Dresdener kamen nicht mit der ersten Note bei ihm weg, und da ich nicht wußte, ob er ein Sachse sei, nahm ich sie höflich in Schutz. Warum aber gab er sich die Mühe, den Mann der weiten Welt vor mir zu spielen? und daß er Vettern in Paris besaß, wie gleichgültig war das! Zugleich erschrak ich doch, daß so hart vor Torschluß ein so deutliches Gefühl der Langeweile Raum in mir finden konnte. Da flocht er in bedeutsamem Tone ein, daß die gesamte Dresdener und sogar ein Teil der Leipziger Presse meinem Vortrag beiwohnen würde. Jetzt war ich ganz Ohr. Den Abend sollte ich dann als Ehrengast dieser Herren in ihrem Kreise beschließen. Wollte ich das?

Aber ganz gewiß wollte ich das.