Die hätten jetzt so schrecklich viel zu tun, sagte sie hastig. Allein ich zweifelte nicht, daß sie kommen würden. Da sie mich im unausgepfiffenen Zustande kannten, würde die Neugierde sie mir noch einmal entgegenführen.
Ich täuschte mich nicht: sie erschienen alle, und einige darüber. Sogar ein Töchterchen, das hier nichts zu suchen hatte und ihrem Lazarett ausgerissen war, saß da hart vor mir und starrte mich unverwandt und vorwurfsvoll unter ihrer Haube an, während man sich sehr lebhaft und außerordentlich pointiert über das Maß, den vorbildlichen Gerechtigkeitssinn, die rührende, fast langweilige Milde der deutschen Journalisten unterhielt.
Bequem in dem besten Klubsessel hingegossen hörte ich zu. — Hier kannte man Parteien wieder! Ich sah vom einen zum anderen und saß wie im Parkett. — Bald schlug ihr eigentliches Leitmotiv, das, worauf sie alle gestimmt waren, an, und wie von einer Strömung erfaßt, fielen ihre Worte im reißenden Lauf. Um alles, was sie zu behalten gedachten, handelte es sich jetzt, und auch, was man draußen noch nicht hatte, behielten sie hier. Ein gewichtiger Industrieller klopfte mit starken Besitzerfingern auf den Tisch. Und wie munter sie wurden! Meiner vergaßen sie ganz in ihrem Sprudel.
O, wie durchfuhr mich da glühenden Stoßes ein Erinnern! Es war kurz zuvor in einem windumrauschten Schloß gewesen, einst so festlich, jetzt ein Lazarett. Von den Offizieren fiel einer durch seine merkwürdig schöne, zusammengerissene Haltung auf. Er war aus dem Schlachtfeld allzu unvermittelt in eine Atmosphäre versetzt worden, die sich mittlerweile etwas zu ähnlich geblieben war. Es ging das Gerücht von einem peinlichen Auftritt zwischen ihm und ein paar Düsseldorfer Fabrikanten.
In der Tat wollte etwas in seinem Gesicht nicht zu seiner Haltung stimmen: in seiner Glätte einem verwaschenen Steine gleich, war es so blank und doch so abgewandt, so hell und doch von einer Trostlosigkeit getragen, die weder die Züge noch der Ausdruck dieses Gesichtes, sondern nur die Atmosphäre dieses Menschen verriet. Und dabei war etwas so intensiv Abwehrendes in ihm, daß es keine andere Art gab, ihm entgegen zu kommen, als ihm aus dem Wege zu gehen.
Ich war vor meiner Abfahrt trotz des Sturmes in den Park und bis zu einem Gartenhäuschen hingegangen, das schon die leeren Äcker überhing, dessen bernsteinfarbene Scheiben und bemalte Mauern aber einen sommerlichen Trug durch alle rauhen Monate hindurch behaupteten. Diese tapfere Pagode betrat ich ahnungslos. Denn vor mir war jener Offizier, auf einem Liegestuhle hingeworfen, und das Gesicht in die Lehne gedrückt, als ob er schliefe; vor dem Windstoß, der hinter mir die Türe zuschlug, sprang er auf, und da war es, mein Gott! daß ich ein von wilden Tränen überströmtes Männergesicht überraschte, und vor Entsetzen über diesen Anblick und vom Affekte hingerissen, wie eine Megäre diesen Krieg verfluchte. Aber dies verratene Gesicht und der Blick dieser jammervollen Augen entzog sich und erkaltete noch mehr. „Draußen ist es schön,“ sagte er schroff.
Das nächste, was ich von ihm sah, war sein Name unter den Gefallenen.
Ihn sah ich jetzt vor mir: von Bildern gejagt, die zu Furien sich verdichteten, und wie Orest vor ihnen hingestürzt; an ihn dachte ich jetzt.
Denn in das Gespräch dieser daheim gebliebenen Draufgänger mischte ich mich nicht; es lohnte sich nicht; und sie hatten ja recht! Aber so wie die Kriegsberichte der einen recht haben, nur muß man zur Orientierung auch die der anderen lesen. So äußerten sie über die französischen Zeitungen unwiderlegliche Dinge, und wenn sie sich über die niederträchtigen Beschimpfungen dieser Presse unterhielten, so war es nicht möglich, ihnen zu widersprechen oder ihre starken Ausdrücke als zu stark zurückzuweisen.
Aber es ist wirklich grotesk, mit welcher Naivität Leute, welche selbst die Insulte handhaben, überall ihre eigenen Insulten überhören; sie merken stets nur die der anderen. Und darum werden es stets die Hetzer sein, die sich über die Hetze der gegnerischen Seite entrüsten. Die anderen brauchen das nicht. Sie haben kein Organ für solche Dinge. Das dreiste Schimpfwort Barbaren wird sie eben so wenig treffen, als sie selbst sich erdreisten werden, Ausdrücke wie „Fäulnis“ und „Aasgeruch“[1] zu gebrauchen, wenn sie von der edlen und unsterblichen Nation der Franzosen reden. Denn sie sind keine Barbaren und wissen es infolgedessen besser.[2]