[4] Wie kann ein Philosoph sein Buch „Genius des Krieges“ nennen? Unwillkürlich empfindet man auch einen Titel wie „Gedanken im Kriege“ als ungedanklich. Thomas Manns Parallele zwischen Friedrich dem Großen und dem heutigen Deutschland ist besten Falles ein scharfsinniger Einfall, aber es ist kein Gedanke. Gedanken sind aus diesem Kriege überhaupt nicht zu holen. Es fragt sich da nur, wessen Gedanklichkeit einem so elementaren und blinden Wirbelsturm widerstand. Eine andere Probe auf ein solches Exempel gibt es nicht.
Zehnter Brief
Man muß es schon einmal sagen: denn darüber wird eines Tages kein Zweifel sein, daß in dieser Zeit nur einer das Recht auf seiner Seite hatte, und das ist der parteilose und unparteiische Papst; die Neutralen, die sich heute gerne besser dünken, keinesfalls; aber auch die Streitenden nicht; mögen sie sich noch so vortrefflich halten: der über dem Streit Stehende überragt sie doch weit, und vorbildlich ist nur er.
Dieser Vorbildlichkeit wegen halte ich auch stets die Erinnerung an einige Episoden fest, die ich alle mit Namen versehen und beschwören könnte.
Zum ersten: in London. Seit 1904 fuhr ich ziemlich regelmäßig hinüber. Die Phasen der Feindseligkeit während dieser Zeit waren mir sehr persönlich fühlbar geworden, ebenso deutlich der zuletzt einsetzende Umschwung. So populär endlich wie im Frühsommer 1914 — die Geschichte wird es bezeugen — waren die Deutschen seit einem Menschenalter nicht gewesen; ja, sie standen im Begriff, London im Sturme zu erobern. Ein Deutscher, mochte er auch zu Hause als ein ziemlicher Pinsel gelten, hier genoß er a priori, lediglich weil er Deutscher war, Anspruch auf Gedankentiefe und Geist. So weit war man schon.
Die wertvollste Orientierung über die öffentliche Lage erstattete jederzeit Lady C . . . . Ich kannte sie nicht, aber es genügte, ihr von weitem zuzusehen. Stets in das allerletzte Fahrwasser getaucht, zeigte niemand besser die Temperatur der elften Stunde an, ob dies nun die letzte Geschmacksrichtung in der Musik, der Literatur oder der Mode oder aber, vor allem anderen, die letzte politische Strömung betraf. Niemand trieb so leidenschaftlich mit ihr empor und war alsbald so ganz von ihr erfaßt.
Am Vorabend meiner Abreise saß ich im Salon meiner Freundin und erwartete mit ihr Lady C . . . . Sie hatte ihren Besuch angekündigt und erschien noch vor Mitternacht, von Juwelen überfunkelt, das gelbe Haar von Diamanten übersprüht, Wurf und Farbe ihres Kleides voranleuchtend und noch nicht dagewesen. Ihre schnellen Blicke, während sie sprach, bedeuteten mir ohne Vorbehalt, daß sie aus Neugierde gekommen war, und zwar wegen mir. Es gab kein Thema, das sie da nicht heranzog, nichts, worüber sie nicht meine Meinung, mein Urteil als ausschlaggebenden Faktor — denn ich war ja deutsch — zu wissen begehrte. Und was rief sie da nicht, bevor sie, schneller als sie gekommen, wieder entschwirrte und ihr Auto durch die stillgewordene Grosvenorstreet der fünften oder sechsten „party“ des Abends entgegensurrte: „Give me the Germans!“ rief sie hingerissen. „They are the first people in the world.“
Und da ich mir noch immer in der Ferne, und wenn ich mich eine Weile räumlich von den Germans geschieden hatte, diese Meinung über sie zurückerwarb, stimmte ich ihr rückhaltlos bei.
Diese ihre letzten Worte waren es auch, welchen ich folgenden Tages gerne nachhing, während vor mir Ahnungslosen die englische Küste immer weiter zurücktrat. Schafwölkchen weideten am Himmel, und ich sah zufrieden zu ihnen auf. Denn Gott sei Dank! man war endlich vernünftig geworden und die Gefahr war überstanden. Ich teilte meine frohen Wahrnehmungen einem Engländer mit, den ich an Deck des Schiffes traf und der mit den Politikern seines Landes aufs engste verquickt und verschwägert war. Krieg, sagte ich, gibt es keinen mehr. Aber er schüttelte den Kopf: „Sie lassen sich täuschen. Ich sehe nirgends Anzeichen dafür, daß man ihn vermeiden wird.“