Noch waren sich aber die wenigsten Leute bewußt, daß es ein Serajewo auf der Karte gab.

Fünf Wochen später: München. Bei einem namhaften russischen Maler lebte dessen originelle, wenn auch unzuverlässige und unkultivierbare Schwester. Eines Tages verkrachte sie sich mit ihm, und da es ihr an allen Mitteln, um allein weiter zu existieren, gebrach, erklärten sich ihre bisherigen Bekannten als ihre Kundschaft, und indem sie sozusagen eine Privatschneiderin wurde, fuhr sie fort, gesellschaftlich mit ihnen zu verkehren. Alles ging zum besten, bis es Sommer wurde und ihre ausstaffierten Freundinnen die Stadt verließen. Nunmehr saß die auf Vorzugsbehandlung gestellte Amateurnäherin allein und kümmerlich in ihrem Zimmer. Diesen längst vorausgesehenen Moment nahm ich wahr, um endlich auch meinerseits etwas zu bestellen.

Als ich zur Anprobe kam, war sie nicht zu Hause, erschien aber gleich darauf hochgemut und federngeschmückt direttissimo von einem Mittagsschmaus bei einem alten russischen Grafen. Sie legte, seitdem sie schneiderte, ganz besonderen Wert darauf, auch weiterhin von ihrer Gesandtschaft eingeladen zu werden, und der alte Graf tat ihr immer den Gefallen. Der Stab war diesmal sogar vollzählig erschienen, sie hatte als einzige Dame den obersten Platz behauptet; so gut hatte sie es nicht alle Tage; zerstreut, doch um so mitteilsamer steckte sie die Falten meines Mantels zurecht, und wie ich jetzt bemerkte, hatte sie „le vin bavard“. „Ah! il faut une guerre!“ rief sie plötzlich aus . . . „Oh pas maintenant: en 1915“ (und berief sich auf ihren Gewährsattaché) „il le faut . . . Les Allemands sont devenus trop arrogants.“

„Vous vous trouvez bien chez eux.“

Kurz zuvor saß ich im Lesesaal eines Pariser Hotels. Ich sehe die Zeitung durch; doch von Übelkeit und Verzweiflung überwältigt, werfe ich sie wieder hin und stürze in mein Zimmer hinauf. Es blickt auf den Fluß. Allein die weite und geliebte Stadt wird mir zur fürchterlichen Enge. Wohin soll dieser Ton, dieses Geschrei, sollen diese höhnischen Ausfälle und Drohungen, soll dieser unheilbare, unbelehrbare, planmäßige Deutschenhaß, wohin soll er führen?

Warum, da er nun gekommen ist, dieser Krieg, den überall noch zu viele wollten, warum wollen sie ihn plötzlich alle nicht gewollt haben und wälzen die Verantwortung für diese ungeheuere Tragödie der Mitschuldigen einander auf?

Weil sie recht hatte, die mutige Frau von Suttner, die vielverlachte Friedensberta, mit ihrer Behauptung, daß die erste Zwangsfolge des Krieges die Lüge sei!

Mein Gott, wie sehnlich wünschte ich, daß wir, uns selber treu, den anderen Völkern mit der Initiative vorangingen, den inneren todbringenden Feind zu stellen. Vielleicht warten sie in England nur darauf, um zuzugeben, daß bei ihnen jener Militarismus, dem sie bei uns den Garaus machen wollen, in Lord Kitchener, auf den sie doch so stolz sind, in seinem subalternsten Glanze erstrahlt; und daß jener Imperialismus, den sie, wo er als Pangermanismus auftritt, so namenlos verabscheuen, in Churchill, von dem sie sich doch regieren ließen, seinen typisch großmäuligen Vertreter fand. Gut also. Lassen wir fürs erste die Imperialisten aus dem Spiel. Machen wir versuchsweise nur gegen unsere Alldeutschen Front.

„Die Franzosen neigen zur Suffisance. Sie haben stets etwas von Kindern. Wir nie. Aber das Ominöse und Charakteristische bei gewissen Alldeutschen ist, daß sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der Besonnenheit behauptet und da Türen zuschlägt, wo sonst Gedanken wären.“ Von mir im Jahre 1904 geschrieben, sogar gedruckt, aber natürlich ignoriert: „Denn in keinem Lande ist es so unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Tänzern ist bei uns Jugend bewilligt.“ Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich schon wieder selbst zitiere. Hatte ich aber nicht recht, wenn mir damals schon vor jenen Leuten bangte, über die wir innerhalb des Reiches leichtsinnig die Achsel zuckten, während man draußen nur allzu gespannt den paar Schreiern, wie wir sie verächtlich nannten, aufhorchte, die so lange an der Höllenpforte rütteln halfen und, wo sie einzurosten drohte, sie wieder ölten, bis sie sich von selbst in ihren Angeln drehte. Ja, aus meinem Deutschtum heraus hasse ich sie, diese Schädlinge, wie jene Raupen, die in ihrer mörderischen Geschäftigkeit die Farbe des Laubes annehmen, das sie zerfressen, und sich nicht unterscheiden lassen von der königlichen Eiche, deren Tod sie bereiten. Denn ihnen danken wir es heute, daß eine verblendete Welt mit einer Herzenskälte ohnegleichen den beispiellosen Kampf mit ansieht, den ein verkanntes Volk bestehen muß, nur dem Griechenvolk hierin vergleichbar, ja es noch überbietend.

Jene humorlose Gilde aber, welche, den Räuberhut in die Stirne gedrückt und den Brigantenmantel über die Schulter geschlagen, so fürchterlich verspätet in der Geschichte aufzog, schiebt sich heute Bismarck als Gewährsmann unter: ihn, dem sie schon fatal gewesen sind, als sie noch in ihren Anfängen steckten, weil er wohl ahnen mochte, wie sie sich auswachsen würden. Oder wird mir ein Kenner Bismarcks entgegnen, daß die Art, mit welchem der und jener seine eine ewig selbe Geste des Handschuhhinwerfens meistert, nach Sinn, Art und Geschmack des schmiegsamsten aller Staatsmänner sei? Würde sich der Gründer des Deutschen Reiches heute von den Alldeutschen nicht vielmehr boykottiert, ja, verdächtigt sehen, er, welcher nach dem Sieg von 1870 Lothringen Frankreich zu lassen riet und mit so feierlichen Worten die Verantwortung für diesen Krieg jenen aufbürdete, die damals diesen seinen Rat mißachteten?