Und alsbald geschah es, daß dort, wie auf einen Wink des Antichristen hin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und sich als finstere Kulissen entlang zogen; und daß ein kranker Wind sich erhob und Scharen Unglücklicher wie müde Spreu hinüberwirbelte; sie wußten nicht wie; so schnell! Eben noch als Freunde sich am Halse liegend, mitleidig angestarrt — aber ein neuer Windstoß, und sie waren schon geächtet, und ehe sie die Straße überschritten, ihres Lebens nicht mehr gewiß, verängstet und verflucht.
Und zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu wimmeln und sich zu regen an von geschäftig sich drängenden, unübersehbaren Schwärmen, aus den verlorensten Tälern aufgeflogen, und alle in ihrem künstlichen Haß zu den künstlichen Felsen hingetrieben, aus deren Schacht nunmehr heißes Blut ächzend hervorbrach, zu Bächen, zu Strömen qualvoll unversiegbar anschwellend, doch stets so, o Gott! daß die Schmerzensrufe der einen mit ihrem weithallenden Echo des Jammers zugleich den Vorteil des anderen bedeuteten.
Dritter Brief
Daß in dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen bleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt aufnehmen, der sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich die Geschichte meiner beiden Vaterländer den Roman, um den das Schicksal unseres Kontinents sich drehe. Wird man mir eher glauben als zuvor?
Wir sind am Ende des ersten Bandes angelangt, wo noch einmal alles verschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann, sind wir, die heute keine Kinder mehr sind, ermattet oder dahin. Das Wirrsal ist zu groß. Ich ersticke. Es ist zu spät. Lasciate . . .
Allein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe, wenn auch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber nur von dem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachten wird endlich, unter tausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse fortbewegt. Doch die Gemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die gewagtesten sind. Niemand trägt heute in Europa freieren Gewissens sein geteiltes und zerhämmertes Herz, und nur allzu billig fiele mir der Beweis, daß meine geteilte Liebe eine verdoppelte und keine verminderte ist. Nie aber glaube ich erging noch die Forderung so gebieterisch an das Gewissen derer, die nicht im Felde stehen, sich auf die Unze genau zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in ihrer Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten. Es wäre gemein zu fordern, daß einer, der seiner Abstammung nach in gleichem Maße zwei Nationen angehört, heute die eine oder die andere verleugne. Heute nicht! Vor all dem vergossenen Blute erhebt sich heute die Stimme des Blutes lauter als alles. Wie es heute in einem Halbfranzosen Deutschlands aussieht, das weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in der Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten Häuser unserer Grenzorte, die, wechselseitig umstritten, von den Kugeln beider Gegner zerschossen liegen, so sind wir in uns selber zusammengestürzt.
Du weißt: ich hatte mich von meinen deutschen Landsleuten dadurch vielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war, ihnen anzugehören, und daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines Deutschtums so begeistert herumging. Aber du hast auch gehört, wie unermüdlich ich ihnen zurief: Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der Eurer westlichen Brüder ist für das Heil Europas unerläßlich und die Stunde für eine Anleihe ihrer Qualitäten hat geschlagen. Denn nicht eher seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich weiß es schon, Ihr seid gründlicher, männlicher, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr seid die politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht es nicht, mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen fertig brachten. Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen voll Besorgnis zu. Nicht so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da! Falsch!
Leute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz daheim) eine Versöhnung der deutschen und französischen Elemente verkörpern, waren sicherlich vor allen anderen befugt, ihre Meinung abzugeben. Die Kluft war ja so groß geworden, daß außer uns, die Mitte Weges standen, nur ganz Wenige sie überschauen konnten. Doch wer achtete unser? — sie wußten es besser, hier wie drüben; und da alles fehlschlug, zog man es vor, die Franzosen für erledigte, die Deutschen für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! — Indessen glauben sie’s noch immer! Ach und mir dünkt, es ist gerade genug für ein Menschenherz, seinen Jammer und seine Sorge um die Not eines Volkes in unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie wir werden auch noch am Tage des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Jerusalem und seine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach wir sind es, die hätten sterben sollen!
Vierter Brief
Wie schwer fällt heute ein Wort, zu leicht entschlüpft, auf uns zurück! In einer Zeit, in der um ein Für und Wider Städte in Brand aufgehen, hat sich jede Art von Leichtsinn verwirkt. Um eines Wortes willen verbringe ich gefolterte Nächte, und merkwürdige Ernüchterungen stellen sich ein, du weißt . . . und mein Herz ist selbst die unbeirrbare, die eifersüchtige und immer schwankende Wage.