Wie neulich: ich hatte mich für den Abend angezogen und Kerzen vor dem Spiegel angesteckt, als sei nichts geschehen: Die Frau, zu der ich dann fuhr, hatte ihren Tisch mit Tulpen geschmückt, und es war wie früher, und als hätten wir vergessen.
Aber später, vorm Kamine, im mattbeleuchteten, schattenvollen Raume kamen wir um so leidenschaftlicher auf den Krieg zurück, als wir zuvor nicht von ihm gesprochen hatten. Und einer von den Herren, ein Chirurg und Sammler, einer jener kontemplativen Süddeutschen, die unüberwindliche romanische Sympathien hegen, äußerte sich da voll Ingrimm über die neue Manier der Franzosen, uns wider jede bessere Einsicht Barbaren zu nennen, nach allem, was gerade wir auf allen geistigen Gebieten leisteten. Konnte das ihr Ernst sein? was ging da nur in ihnen vor? und sich plötzlich an mich wendend: Ob ich das wüßte? fragte er.
Nun hatte ich mir aber fest vorgenommen, nur zuzuhören, wenn solche Themen zur Sprache kommen sollten, denn meine Gesinnung lasse ich mir nicht verdächtigen; es ist aber heute so leicht, mißverstanden zu werden, wenn man nicht ganz genau dasselbe sagt und meint, was der andere sagt und meint. Es lag jedoch im Unterton seiner Frage eine so naive und rührende Besorgtheit, daß ich, meines Vorsatzes vergessend, emporschnellte und ausrief: „Ja, ich weiß es genau!“
Und ob ich es weiß!
Jene überragenden geistigen Leistungen sind es ja gerade, welche zuerst das Mißverständnis verschuldeten. Wie bei einem sehr selbstbewußten Menschen, mag er noch so schüchterne Seiten an sich haben, niemals Schüchternheit als der Grund für seine Handlungsweise angenommen wird, so hatte der anerkannt gedankenvolle Deutsche keinen Kredit auf seine Ungeschicktheit. Kein Wunder! denn am Tage, an dem Deutschland mächtig geworden war und er in Szene trat, an diesem späten Tag zeigte er sich schon so vielfach ausgereift und von einer scheinbar so unbegrenzten Fülle der Gesichtspunkte, daß man sich von dem Neuling irgendwie überflügelt sah und er allsogleich, zu allererst von den Franzosen, sehr ernst genommen wurde. Nachträglich wird ja jetzt sattsam hervorgehoben, daß er des politischen Instinkts ermangle. Es ist kein Kunststück mehr, es zu entdecken! — a priori aber wurde bei Leuten, die noch dazu unverweilt einen Bismarck auszuspielen hatten, auf alles andere eher geraten, und man dachte, dieser Mangel, der vom Kleinsten und Persönlichen ins Allgemeinste und Kolossalische ging, müßte unbedingt etwas anderes sein, als was er ist, nämlich die Achillesferse des Deutschen und das Geheimnis seiner Unbeliebtheit. Als er der Sieger wurde, hätte er sich vor allen Territorien ein paar Qualitäten, die der Besiegte vor ihm voraus hatte, aneignen sollen, um seinem Triumph die dauernde Weihe und Unanfechtbarkeit zu geben. Es wären da solche Dinge zu requirieren gewesen wie das Talent der entgegenkommenden Form, die Ziehharmonika der demi-mots und „l’Art de ne pas froisser“, eine Kunst, die wir verschmähten, weil wir sie nicht meisterten, die aber von größerem Werte für uns gewesen wäre als alle Milliarden, denn sie hätte uns die Franzosen selber erworben. Was half alles Gold unseres Gefühls, da wir es für sie nicht zu münzen verstanden? So ergab sich das ewig selbe Spiel, daß der Deutsche ihrer Eigenliebe nicht schonte und sie dafür mit häßlichem Gekreische sich seinen zu muskulösen Griffen entwanden. So wurde er endlich „der Barbar“, nur weil er nie der Gescheitere war . . .
Aber der Arzt schüttelte den Kopf. „Das Mißverständnis liegt doch tiefer,“ meinte er. „Ich bin auf wissenschaftlichen Kongressen des öfteren mit Franzosen zusammengekommen: sie haben eine geniale Art, die Dinge mit Elan aufzugreifen, aber wo es ein wirkliches Einfühlen gilt, nein, da lassen sie aus.“
„Einfühlung?“ rief ich, „nachdem man sich seit vier Jahrzehnten zum beiderseitigen Nachteil systematisch entfremdet hat? Und doch brannte man drüben insgeheim auf diese Einfühlung. Wir hätten es merken sollen: für die Potenz des deutschen Geistes war man von einer hin und wieder deutlich hervorbrechenden Liebe, ja Verliebtheit beseelt gewesen, die endlich in eine ungeheure und ungeheuerliche Enttäuschung umschlug. Wie mag das werden, wenn wir uns in der Folge noch mehr gegeneinander abschließen — sind wir doch schon hier wie dort vielfach über alle Begriffe langweilig geworden: die Franzosen so anämisch, wir so verknöchert! Selbst unsere Musik ist eine Hagestolzmusik geworden. Selbst unsere heutigen Meister schwelgen im schon Erworbenen; neue Quellen flossen ihnen nicht! Wir verarmten, wir alterten beide.“
„Sie hat recht,“ sagte einer.
Aber die anderen fielen unverzüglich über die deutschen Diplomaten her. Das war mir jedoch zu billig. Jetzt, da die Diplomatie mitten im Konkurse steht, ist auch nicht der Moment, mit ihr ins Gericht zu gehen. Die Diplomatien wären bis auf weiteres quitt. Solange es ein Deutschland gibt, so lange wird es außerdem stets eine Auslese staatsmännischer, so gut wie anderer Talente hervorbringen. Nur haben diese eine Not, sich bei uns durchzusetzen, welche aufs engste mit den Fehlern unserer Tugenden zusammenhängt. Sie werden bei uns so lange untergeordnet (was gewiß sehr disziplinarisch ist), bis nur die Allertüchtigsten unter diesen Tüchtigsten am Tage, an dem sie endlich durchdringen, ihre Spannkraft noch nicht verloren haben.
Ach, ich sage dir: es überkam mich ein so ödes Gefühl, während ich sprach, weil doch die Anzeichen fehlen, daß wir die richtige Lehre aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen: nicht bei jenen Deutschen sicherlich, welche als ein selbstbewußtes und auf seine Rechte eifersüchtiges Volk aus dem heldenhaft bestandenen Kampf zurückkommen werden, wohl aber bei den zu Hause Gebliebenen, die sich vielfach eine merkwürdige Begriffsverwirrung und die krassesten Fehlschlüsse gestatten. So hegten sie noch vorgestern für die Person eines Botschafters gemeinhin eine komisch naive Ehrfürchtigkeit, und wer sich abfällige Meinungen über die Fähigkeiten eines so hochgestellten Herrn gestattete, der wurde als ein ganz unverschämter Niemand zurechtgewiesen.