Und wie aufgehaltenes, zum Stocken gebrachtes Blut, das seinen Lauf erzwang, so quollen da jetzt mit der Schwere des Blutes stoßweise jene Tränen hervor, die so anders sind als die um unser persönliches Leid; sie, die einem Frühlingsschauer gleich das Herz erleichtern. Was sind wir Einzelne? Was unser Kummer? Ist nicht selbst unser bißchen Liebesnot noch Glück? Jene anderen Tränen aber, welche stoßweise und mit der Schwere des Blutes hervorbrechen, weil sie mit dem Todesschweiß unzähliger Jünglinge gespensterhaft verklebt sind wie mit der versteckten Qual ganzer Generationen von Frauen und den schon steigenden Schatten ihrer Schwermut, wer sie erfuhr, ja, wer immer sich heute von der Strömung nicht einfach überfluten ließ, der Frevler, der sich umsah nach der Gomorrha unserer Zeit, mußte der nicht versteinern wie die Frau des Lot?
So kam ein neuer Tag. So dämmerte ein nüchterner und winterlicher Morgen. Wieder ließ mich die Vernunft hart an und verabscheute mein gestriges Verhalten. Zwei Zungen hingen mir ja nicht an, um die zwei Dinge, um die es sich handelte, zugleich zu sagen. So war Lüge, was immer ich sprach.
Ich kann dir die Öde jenes Morgens nicht schildern. Draußen hingen Fahnen übernächtig und durchnäßt von den Dächern herab ob irgendeines Sieges. Da entglitt mir die Treue wieder, die mich doch beseelte, und über das Gefühl für das Nächstliegende gebot ich nicht. Nichts von Vernunft mehr! Nur die fürchterliche Schwüle irrsinnigen Wissens. Es war die Hölle. Ich riß das Fenster auf. Das harte Pflaster der Straße ward da zur einzigen Lockung.
Warum ist es dein Bild gewesen, das mich da umgab und aus dem umdunkelten Zimmer bis hart an meine Knie hinrückte? Ein Ansturm klingender Sphären, ein erhobener Stab, und der beschwingte Schatten deiner Hände über eine bessere Welt. Dies alles umflatterte mich wie Himmelsvögel und entschwand, und es blieb nur der eiserne Vorhang trauernd herabgelassen vor dem Imperium unseres Gedankens und unserer Musik. Aber nur dich allein, dem in der Fülle des Lichts jenseits des eisernen Vorhanges Gebliebenen, ich durfte nur dich und nicht die Menschen, die mit mir leben, zu Vertrauten dessen machen, was ich heute dachte. Es war nicht billig. Ich mußte die eigenen Rückschläge scheuen. Und es ging nicht an, ihnen gegenüber meine Worte immer wieder zurückzunehmen, um dann das Widerrufene neu festzuhalten.
Fünfter Brief
Meine Briefe an dich haben eine lange Unterbrechung erhalten, ich bin inzwischen in Dresden gewesen und habe dort in einem eher spärlich und zumeist mit Damen besetzten Saale einen Vortrag gehalten. Nichts wäre also leichter gewesen, als ihn totzuschweigen. Aber die Journalisten telegraphierten bis nach Istrien, in alle Grenzlande hinein und hinaus zu den Neutralen, was ich gesagt hatte. So wissen es jetzt alle. Kein Wunder, daß ich zufrieden bin.
Dennoch hätte ich nicht gedacht, daß ich eine Genugtuung darin finden würde, von den meisten Zeitungen beschimpft zu werden. Überraschungen, die man sich selber bereitet, sind nie ganz langweilig. Ich hatte mich für bescheidener gehalten.
Aber lasse dir den ganzen Hergang erzählen, bevor ich ihn selbst in allen seinen Zusammenhängen vergesse, ihretwegen lasse sie dir erzählen. Denn ich liebe nichts so sehr an den Dingen, als wenn sie den Charakter der Fügung an sich tragen, der sie ihrer sonstigen Unwichtigkeit enthebt, man kann nicht gleich sagen, wie weit.
Im vorigen Frühjahr, mitten im Frieden, also im goldenen Zeitalter noch, forderte mich die Dresdener Literarische Gesellschaft zu einem Vortrag für den kommenden Winter auf. Gezeichnet Major Nicolai. Eine solche Einladung war mir neu. Aber der Januar 1915 lag ja in so weiter Ferne! Ich sagte also provisorisch zu.
Sehr erfreut war die Antwort. Und welches Thema gedachte ich zu wählen?