Dabei hing es oft an einem Haar, daß sie über alles dies nur lachte.

So drehte sie eines Nachts das Licht ungeduldig wieder ab und lag vor Müdigkeit wie eine Schnecke zusammengerollt, ganz jenem Gefühl des raschen Versinkens anheimgegeben, das uns umfängt, wenn der Schlaf, wie ein guter Riese, unser Bewußtsein davon trägt.

Allein wie eine unrechte Beute ließ er sie jäh fallen. — In der Schnelligkeit, mit der sie nach dem Lichte auffuhr und ans Fenster stürzte, hatte sie Decken und Tücher mit fortgerissen: ihr Blut wie in Flucht geschlagen, hämmerte in ihren Schläfen, als dränge es den Augenhöhlen zu entströmen, und in dem glänzenden Gemache, wie in einer Zelle eingemauert, fühlte sie sich von der Nacht, die beglückt da draußen flutete, geschieden. Und wie das erste Mal, kam jener unbeschreibliche und haßerfüllte Schatten eines Hauches von jener Tür. —

Aber wir müssen zu Mariclée zurückkehren, denn sie ist schon erwacht. Ein leises Klopfen scheuchte sie aus dem Schlafe und gleich darauf ertönte eine Glocke. Es half ihr nichts, nach ihrer Uhr zu sehen; sie hatte wieder einmal vergessen sie aufzuziehen. Sie eilte sich nun so gut sie konnte, denn die Mutter des Hausherrn, die mit ihrer Tochter im Erdgeschoß wohnte, war eine sehr alte, aber sehr pünktliche Dame, und Mariclée wollte nicht später als sie erscheinen. Da sie jetzt allein auf diesem Stockwerk hauste, nahm sie zum Ankleiden, wie früher, das Badezimmer in Beschlag. Es lag den Königszimmern gegenüber, man mußte den Gang hinaufgehen und dann rechts einbiegen. Wenn Gäste in Glenford waren und Stimmen, Seidengeknister und huschende Zofen die Atmosphäre erhellten, die wie ein schwerer Himmel diese Räume überhing, dann gewannen sie einen Zauber, eine faszinierende, schaurige Heimlichkeit, die in der Welt vielleicht nicht ihresgleichen hatte. Ein herumliegender Atlasschuh, ein hypermoderner Hut, ein Parfüm wurde hier zur ergreifenden Note, und Schritte konnten wie beruhigende Orgelklänge verklingen. Aber wehe, wenn das Leben an diesen verwunschenen Gestaden nicht länger brandete. Vergangenes herrschte dann wieder, grübelte und versank in sich selbst, schwarze Wolken sammelten sich wieder und die erdrückte Luft preßte, wie einen Todesschweiß der Berührung weichende und sprachlose Dinge aus! Untilgbarer Haß lauerte hinter den Baldachinen, ohnmächtige Wut hing sich an die altertümlichen Pfosten, an das Holz und an die damastenen Wände. Öffnete sich aber die Türe, trat ein Mensch in diesen finsteren Kreis, so entstand jener gewaltige, unhörbare Tumult, und dann rang es in allen Ecken den Kreis zu sprengen, die Schatten gerieten in Aufruhr und überall gierte es so heiß, gierte so traurig ein Gesicht, eine Gebärde zu werden. Und keine Sonne, kein frohlockendes Wölkchen, kein Vogelgezwitscher linderte die Qual.

Sechstes Kapitel

Lord S. saß allein beim Frühstück, als Mariclée etwas atemlos hereintrat. Die zweite Glocke war längst ertönt.

„Wie spät ist es denn?“ fragte sie.

Er war ihr sichtlich überrascht entgegengekommen.

„Es ist noch früh,“ sagte er. „Aber ich gehe auf die Jagd. Und nun hat man Sie mit dem Gong so aufgeschreckt. Er galt nur mit.“

„Ach, das macht gar nichts,“ sagte Mariclée und setzte sich gegen das Licht, um ihre übernächtigen Augen zu schonen. Sie war sehr zufrieden, denn ihr Plan war alsbald gefaßt. Ihrer Freundin gegenüber gewisse Eindrücke zu besprechen, hatte sie sich niemals entschließen können. Sie hatte den sehr deutlichen Verdacht, daß man sie damit beunruhigen konnte. Mit einem Manne war es anders.