Denn als sie erwachte, lag nach wie vor matte, unklare Dämmerung über das Land gebreitet, und zugleich rief ihre erschrocken ausgestreckte Hand ein anderes Bild in ihr wach, das unvergeßlich, sie wußte es wohl! zwischen ihr und der Außenwelt entstanden war.

Welcher Unhold hatte sie da so unvermittelt und so willenlos über eine so fremde Schwelle geführt?

Durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster schien das Abendlicht unsäglich bange in ein schmales, verließartiges Zimmer schräg herein; und sie erblickte da in einem hohen Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, die Umrisse einer zarten und kostbar gekleideten, aber schon sehr alten Frau: — zwei langgestreckte seidne Locken, deren Enden sich ätherisch lösten, umschimmerten ihre klaren Züge; ihre reizende Hand hing ernst und traurig herab, und den Blick hielt sie gespannt, erwartungsvoll auf Mariclée gerichtet. Als diese aber, seltsam zu ihr hingezogen, nähertrat und in der sinkenden Dämmerung sie zu erkennen suchte, da zerfiel, zersetzte, zerfetzte sich ihr Angesicht vor ihren Augen zu dem eines grauen, unnennbaren Gespenstes, und schaudernd streckte sie die Hand aus, um den furchtbaren Anblick von sich abzuwehren.

Am Abend dieses selben Tages war sie in Glenford. Und der Zufall fügte, daß gleich während des Diners von den Gespenstern des Schlosses gesprochen wurde, ein Thema, das in Gegenwart der Eigentümer für gewöhnlich ausgeschaltet blieb. Dies rief nun unverzüglich ihre eigenen Erinnerungen wach; ihr, meinte sie, hätten Glenfords Gespenster wohl besondere Ehren zugedacht, da ihr ja schon eines bis übers Meer entgegenfuhr. Und lebhaft schilderte sie das seltsame Gemach, seine eigentümliche Lage und das Gesicht, das sie am Morgen dieses Tages erlebte, hielt aber betroffen mitten in ihrer Erzählung inne, als sie die plötzliche Stille und die überraschten, gespannten Mienen rings um sie her bemerkte.

Einer der Gäste, ein Herr von Chandieu, ging nach Tische auf sie zu und bot sich ihr als Führer an für ihren morgigen Rundgang durch das Schloß. Er bestand darauf mit einer eigentümlichen Bestimmtheit, als gälte es einen Vertrag, oder meinetwegen ein Engagement für einen Walzer, den man aber, einmal vergeben, nicht mehr mit einem anderen tanzen dürfe.

So zogen sie denn Tags darauf durch die herrlichen, doch so umdüsterten, ja wie untröstlichen Gemächer. Und von der schweren Stimmung, die darin herrschte, überkommen, fühlte jeder sich allein und vergaß des anderen, vergaß sich selber, und verstummte. Denn wie in sehnsüchtiger Abendröte, atmete und verweilte hier noch die weite Vergangenheit. Als sie endlich die Plattform eines breiten, turmförmigen Vorbaues betraten, der den Übergang bildet zwischen dem Schloß und der noch älteren Abtei, sagte Chandieu: „Noch ein Zimmer muß ich Ihnen zeigen,“ und deutete auf die Wand. Eine Eckmauer höhlte sich hier zu verschiedenen Windungen und Stufen und führte plötzlich zu einer Versenkung und einer Türe. Sie traten ein, zwischen den Quadern verborgen hineingebaut, hing da wie ein Lift ein hohes schmales Gelaß. Schwermütig fiel das Licht durch ein hoch und ohne Sims in der Mauer angebrachtes Fenster, und ein hoher Lehnstuhl, der aber nicht entfernt bis zu dem Fenster reichte, stand davor. Mariclée begegnete Chandieus fragendem, gespanntem Blick und erschrak. Zu genau war ihr schon der Anblick, die unheimliche Lage dieser Kammer und ihre bange Atmosphäre bekannt!

Indes erfüllte es sie mit unbeschreiblicher Genugtuung, daß die teilweise Bestätigung eines gespenstigen Traumes sie nicht ängstigte, um so mehr als die Inhaber der sogenannten Stuartzimmer sich über ihre schlaflosen Nächte unumwunden äußerten. Dabei wußte man von diesen Räumen sowie von dem anstoßenden Prunksaal, den der König während seines jährlichen Besuches bewohnte, gar nichts Schauerliches zu berichten. Sie hingegen wohnte auf der Ostseite nicht nur ganz allein, sondern ihre Türe führte direkt in das große, in gelbem Damast und Silber ausgeschlagene Paradezimmer, das für die „schwersten Gespensterfälle“ notorisch war.

Nach einigen Tagen reisten die anderen Gäste, und mit ihnen Chandieu, ab, und infolgedessen stand nun der ganze obere Teil des rechten Schloßflügels leer; Mariclées Freunde forderten sie wiederholt auf, in ein anderes, bewohnteres Stockwerk umzuziehen, allein sie weigerte sich auf das entschiedenste, denn jetzt war alles so schauerlich und schön, und es gefiel ihr erst recht. Sie besaß indes für Geister offenbar doch keine Attraktion. Denn weder „das Mädchen“, noch „der Mönch“, noch der „cuddling ghost“, noch die alte Dame, die sie doch kennen mußte, bemühten sich zu ihr.

Da eines Nachts fuhr sie aus tiefem Schlafe von diesem Bette empor, warf sich mit einem Satze blindlings gegen die Ausgangstüre, drehte dort blitzschnell das Licht auf, und stürzte dann zu Boden. Verwundert blickte sie in dem hellerleuchteten Raume umher. Was war geschehen? sie konnte sich auf nichts besinnen. Warum lag sie zu Boden? und warum fühlte sie ihren Blick umtrauert, wie ein vom Nebel umdüstertes Licht? Warum? Nur ein Gedanke: Licht zu schaffen, hatte ja in ihr gelebt. Aber welch höllisches Entsetzen hatte sie dann niedergeworfen und jagte sie von neuem, bevor sie es faßte? — Ach, jenes Licht, sie hatte es entfachen müssen, damit sie die Erschütterung ertrug, die ihr jetzt das Bewußtsein brachte! sie war nicht erwacht, sie war geweckt worden.

Erst als Tageshelle ihr Zimmer erfüllte, löschte sie, und trat ans Fenster. Allein die Frühluft, die jetzt so froh zu ihr hereindrang, verscheuchte nicht, wie sie es hoffte, die Grauen dieser Nacht. Der silberne Morgenhimmel lehrte ihr nur, daß sie den Mut nicht finden würde, ja daß ein unheimlich seltsamer Widerwille sie erfüllte, ihre untatsächlichen Erfahrungen zu bekennen, als hafte etwas Totenhaftes an ihr, weil sie sie erlebte. Und darum blieb sie in diesem Zimmer und schwieg. Aber sie ließ ihre Lichter immer bis zum Sonnenaufgang brennen, und die Furcht vor einem Erwachen, wie sie mit Bestimmtheit glaubte, es in seiner Unnatur ein zweites Mal nicht zu ertragen, hielt Nacht für Nacht ihre Wachheit rege. Und sie saß aufrecht und horchte. — Gerührt vernahm sie das Rauschen der Bäume, oder wenn ein Nachtvogel sich bewegte. Und sie horchte entsetzt — wie ein Scheinlebender — auf den unhörbaren Lärm, auf die feindselige Luft, und durch alle Ritzen und Gänge hindurch die zerrüttete Ruhe. Welcher Sinn war in ihr erwacht für die finsteren Flammen, lechzend wie das Leben reißender Tiere vom Leben Verstoßener? für dies Wehen wie von Schmerzensfaltern, der schweren Raupe des Verbrechens entflattert! Denn es schien, als dürsteten sie nach ihr, als richte sich ihr Ansturm gegen eine verwundbare oder gefahrvolle Stelle, eine Bresche in ihrem innersten Selbst.