„Du fürchtest dich!“ rief ihre Freundin.
Aber Mariclée machte sich auf der Stelle von ihr los.
„Wovor denn?“ fragte sie mit dem natürlichsten Lachen der Welt.
„Keine Torheiten. Es ist doch so einfach, daß ich dir eine Jungfer schicke!“
„Und ich muß dich wirklich bitten, mich damit zu verschonen, ich fürchte mich kein bißchen. Wovor soll ich mich fürchten?“
Und sie tanzte den Gang hinab.
„Ich würde es dir wirklich sagen,“ lachte sie noch an der Türe. Und sie schlüpfte in ihr Zimmer hinein. Dort sank sie in einen Stuhl. Das mit der Jungfer war nämlich durchaus nicht so einfach; sie wußte von früher her genug törichte Stücke von den Glenfordschen Leuten. Man hatte das ganze Personal längst unter Dach nach einer anderen Himmelsrichtung untergebracht. Und dann hatte sie kein Verlangen, ihre Gespensterfurcht so fraternisieren zu lassen. Denn sie tat sich etwas darauf zugute. Allein sie glaubte wahrhaftig, wenn Don Juan nur noch bis zum Abend geblieben wäre, sie hätte sich zu seinen Füßen gestürzt, damit er sie nicht allein ließe. Denn sie verging vor Angst. Zwar nur von jener Türe drang sie wieder auf sie ein. Warum war sie jetzt maskiert? Und von neuem dachte sie an den Marquis von Chandieu, der bei ihrem letzten Besuch ihr Nachbar gewesen war, und sie immer so eindringlich nach ihren Eindrücken befragt hatte. Aber damals hatte sie keine zu verzeichnen, es war alles erst nach seiner Abreise geschehen. Wie stolz hatte sie ihn damals angehört! Wie hatte sie sich innerlich gebrüstet, wenn er ihr seine gestörten, schlaflosen Nächte gestand, während sie so gänzlich unangefochten von derlei Nervositäten blieb. Was war aus ihm geworden? Warum hatte sie all die Zeit hindurch niemals an ihn gedacht? Und warum, da sie ihn so vergessen hatte, war er ihr mit einem Male so gegenwärtig, als müßte sie aufstehen und den Gang überschreiten und ihm erzählen, wie alles über sie gekommen und sie eins geworden war mit ihm in ihrer Angst, aber viel später, erst eine Woche nachdem er so plötzlich verreiste, und sie allein in diesen Gängen und dieser Flucht von Gemächern zurückblieb. Und plötzlich überkam sie eine große Reue, daß sie es nie getan hatte, und sie nahm sich vor (des Nachts faßte sie immer sehr viele Vorsätze) es nachzuholen. Es würde das erste sein, daß sie sich morgen nach ihm erkundigte.
Sie rückte ihren Schreibtisch zurecht, und bereitete sich vor, ihre Briefschulden zu tilgen. Denn seitdem sie nach London gefahren war, hatte sie keinem Menschen geschrieben. Sie faßte geschäftliche und Freundesbriefe ab und warf sie dann auf den Tisch. Von Zeit zu Zeit blickte sie auf und sah auf die Türe. Nur eines hätte sie nie ertragen: das Licht zu verlöschen und dieser Türe den Rücken zu kehren. Erst als der Morgen graute, legte sie sich auf das Bett und dort wollen wir sie eine Weile schlafen lassen und erzählen, was für Erinnerungen es denn waren, die sich für sie an dieses Zimmer ketteten.
Als sie vor ein paar Jahren zum erstenmal nach Glenford fuhr, hatte sie nicht nur von seinen Ländereien, dem langen Saale mit den elf nach Westen stehenden Fenstern, der Minnesängergalerie, Straffords berühmtem Porträt, und all den Bildern und historischen Schätzen vernommen, sondern auch von den Gespenstern, die seit Jahrhunderten hier umgehen sollen. Die Aussicht auf eine Bekanntschaft mit ihnen wollte sie mit gespannter, aber heiterer Neugierde erfüllen. Steht doch selbst der Leichtgläubigste solchen Dingen skeptisch gegenüber, weil er fühlt, daß sein Leben alles Gespenstige so siegreich ausscheidet, wie das Licht die Finsternis; und darum macht es ihm Spaß, wenn er von jenen leeren Schemen — zu welchen er zwar selbst über Nacht gehören kann — wie von etwas „Wirklichem“ Kunde erhält.
Schlaflos war sie damals die Nacht hindurch via Ostende gefahren. Draußen graute kaum merklich der Tag über ein baumloses, flaches, unsäglich trübes Land. Hie und da streckte eine Windmühle wie verzweifelt ihre bretternen Arme aus und erhöhte noch den Eindruck von Verlassenheit und Öde. Und in jenem unendlichen, schattenhaften Grau, das den Himmel und die trauernde Ebene erfüllte, wollte endlich auch ihr Bewußtsein ruhen und versinken. Aber kaum eine Minute lang!