Mariclée ging eben mit ihrem Teller spazieren, als eine junge und sehr elastische Gestalt, die ganz mit Schleiern und hellen Tüchern bedeckt schien, zur Tür hereinwehte. Es war die Herzogin von R. . . Sie sah aus, als käme sie von einem Ritt durch die Wüste und sei soeben vom Höcker ihres Kamels herabgeglitten; es stand aber nur ihr Auto draußen auf dem Kies und sie war gekommen, um den Don Juan darin mitzunehmen. Erst als sie den Schleier von ihrem Gesichte zurückschlug, sah Mariclée, daß die Jugend von ihr entwichen war. Wenn aber eine junge Schönheit uns entzückt, so haben die Reize einer schön gebliebenen Frau etwas, das uns begeistert. Ist die Zeit etwas so Niedriges, dachte sie bei ihrem Anblick, daß alles, was ihr widersteht, so edel wirkt?

Es kam auf der Stelle und unter großem Wehklagen die politische Lage zur Sprache. Daß Tags zuvor ein englischer Pair im Parlament übel bestanden hatte und die Liberalen die besseren Führer aufwiesen, war ein Grund mehr, gegen sie erbittert zu sein. Der Name Churchill, der in Deutschland so bereitwillige Erwähnung findet, war in diesen Kreisen geächtet. Er hatte soeben in einer glänzenden und insolenten Rede die Herzöge arg zerzaust, und diese immens reichen Herren, die Roseberry those poor but honest dukes zu nennen gewagt hatte, ironisiert. „And we are so poor!“ klagte die Herzogin.

Man war von Tisch aufgestanden und hatte sich in die Halle verfügt, denn es war dort am kühlsten. Mariclée schlich indes in die Bibliothek, um diese Rede, die ihr entgangen war, nachzulesen. Sie brauchte eine ganz Weile, um sie herauszufinden, vergrub sich dann mit ihrer Zeitung in einen tiefen Lehnstuhl und machte sich gewissenhaft darüber. Da ging plötzlich die Türe auf, und Don Juan trat herein.

„Ich komme mich zu verabschieden“, sagte er. Und wie er vortrat und lächelnd auf sie zukam, und ihre Hand faßte, und sie hielt und die Hoffnung aussprach ihr wieder zu begegnen, so daß unwillkürlich ihre Haltung der seinigen entsprach, und sie ihn ansehen und ein wenig lachen mußte, — das Ganze war ein Meisterstück. Weiß doch ein Frauenkünstler so geschickt mit ihnen umzugehen wie ein Virtuos mit seiner Geige. Zwar kannte sie ja die Art, und das Prinzip war überall dasselbe: selbst nach flüchtiger Begegnung leichthin den Schein anzunehmen, als sei ein Eindruck hingenommen worden, einzig zu dem Zwecke, daß ein Eindruck hinterbliebe.

Aber aber — — — zufällig war ihr schon der Don Juan Deutschlands und Frankreichs, Don Juan d’Austria, ja sogar der Süditaliens begegnet. Und nichts sieht einem Erleben so ähnlich wie ein Erkennen.

Fünftes Kapitel

Mariclée ging in die Halle zurück und fand dort ihre Freundin im Gespräch mit der Herzogin, die, wieder ganz verschleiert, aussah wie Scheherazade. Als die beiden Frauen sie gewahrten, lächelten sie, als müßten sie lächeln, weil sie daherkam, da sie eben von ihr sprachen. Mariclée bemerkte es, aber an keinem Ort der Welt fühlte sie sich so sicher. Ihre Freundin besaß eine starke Eigentümlichkeit, ohne daß man je versucht gewesen wäre, sie eigentümlich zu nennen. Sie hatte so viel in der Welt gelebt, daß eine natürliche Anlage die Menschen zu behandeln, wie es ihnen am wohlsten tat, sich bei ihr so ausgebildet hatte, daß es kaum mehr eine Intuition, schon mehr ein Instinkt zu nennen, war. Sie hatte Routine wie ein anderer eine Glatze, sie war taktvoll, wie ein anderer korpulent ist, das heißt es war ihr zur Natur geworden. So verfuhr sie mit Mariclée unwillkürlich, als wäre diese von Glas, und in der Tat war sie, obwohl gar nicht empfindlich, im höchsten Grade zerbrechlich. Ließ man sie im Stiche, so fiel sie allsogleich um, und wenn sie nicht sehr behutsam zwischen zwei Fingern gehalten wurde, lag sie gleich in Scherben. Dann war sie weder Seele noch Leib, nur mehr ein sichtbares Stück Unbehagen, das sich nach Unsichtbarkeit sehnte, ungefüge und erloschen.

Don Juan hatte der schönen Herzogin in den Wagen geholfen und entschwand mit ihr durch dieselbe Allee, durch die er tags zuvor mit Mariclée einherzog. Sie folgte jetzt der Freundin, die sie vom Peristyle aus gerufen hatte und trat mit ihr ins Freie. Der Ausblick war hier von einer unerhörten Düsterkeit. Hatte sich Glenford mit dieser Landschaft oder diese Landschaft mit Glenford in Einklang gesetzt? Sie gemahnte an die machtvollen und zugleich unerbittlich verfallenen Shakespeareschen Königsdramen. Und welcher Meister hatte diese flachen Beete, diese Senkungen und diese in ihrer Gepflegtheit so selbstherrlichen Plane gelegt, die bis an den Saum der tiefen Wälder reichten, und den gesteigerten Ton dieser Natur noch erhöhten? Mariclée dachte an die erwarteten Gäste. Wo blieben sie nur?

„Komische Leute!“ sagte da plötzlich Lady S. „Man hat doch seine Tage so ausgerechnet. Unsere Freunde wollen am Freitag kommen, aber Samstag fahren wir ja selber nach Schottland. Ich kann sie natürlich nicht haben.“

Da warf Mariclée einen stummen Blick zu den Bäumen empor, die wie starke Tore gegen Norden die Mulde versperrten. Heute ist Mittwoch, dachte sie, also drei Nächte! Im übrigen ließ sie sich nichts merken, sondern zeigte sich gesprächig und heiter, erzählte und ließ sich erzählen, aber abends dehnte sie das Zusammensein möglichst lange hinaus. Die anderen hatten sich schon eine gute Weile zurückgezogen, als sie mit der Freundin die weite Treppe hinaufging. Auf dem Freiplatz trennten sie sich und Mariclée wollte in ihren stillen Gang einbiegen, da durchschauerte sie ein plötzlicher Frost. Im selben Augenblick fühlte sie sich am Arme erfaßt!