„Und inzwischen euer Argwohn!“ seufzte Mariclée.

„Unser sehr berechtigter Argwohn,“ schloß Don Juan.

Und wohin sie in England kam, es hallte ihr über die Deutschen nirgends ein anderer Ton entgegen!

Zum Schluß natürlich — wie wäre es anders möglich gewesen? — sprachen sie von Liebe.

Es war zuvor von Politik die Rede gewesen, und es reizte Mariclée, Don Juan gegenüber die These zu verfechten, die Politik sei eine passionelle Ader und ein großer Staatsmann könne nicht zugleich eine Laufbahn als homme à bonnes fortunes verfolgen; sie zitierte dabei Bismarck, Beaconsfield und Gladstone.

Don Juan, der wie so viel andere Konservative, bei den letzten Wahlen seinen Sitz im Parlament verloren hatte, wollte dies nicht gelten lassen. Er nannte Goethe und Napoleon; allein sie ließ den einen ebensowenig als einen wirklichen homme à femmes gelten (Napoleon nämlich) wie den andern als eigentlichen Staatsmann. Er sammelte flugs andere Leute und schickte englische Politiker ins Treffen, deren Biographie sie nicht genügend kannte. Übrigens war er bezaubernd. Es ist hart zu sagen, aber nicht die Liebe, die man hegt, sondern etwas so Abhängiges, wie die Liebe, die man einflößte, diese ist die abtönende und feilende Kraft, die so wenig für unseren Wert, aber so einzig für unsere Geltung entscheidet. Was ihn trug, war nicht sein eigenes Feuer, noch die Gefühle, die er etwa empfand, sondern es war die Gewalt, welche ihm die Frauen zugestanden, und der Reflex ihres Blutes, nicht das Spiel seines eigenen, hing ihm wie ein Purpur an. So war es nur natürlich, daß er die Liebe als etwas so Unentrinnbares hinstellte. „Unentrinnbar?“ wiederholte fragend Mariclée und ließ ihre Blicke in die Ferne schweifen. „Ist sie so einfach? Unser Hang in eure Arme zu sinken ist doch ebenso elementar wie unsere Scheu euch zu verfallen. Ihr glaubt nicht recht daran, weil es ein Zug ist, der euch fehlt. Denn ihr seid uns zwar untreu, jedoch nicht abgeneigt.“

Es amüsierte sie so, ihm das zu sagen.

Und diesmal widersprach er nicht, nur wollte er diesen „Zug“ sehr einfach auf einen Instinkt der Selbsterhaltung zurückleiten; die Liebe griffe so ungleich mächtiger in unsere Organismen ein, daß die Natur selbst in größerer Zurückhaltung Schutz suche. Aber dies war den Freundinnen doch nicht subtil genug. Freilich destillierten sich die höchsten Dinge aus den primitivsten, aber wie ein Grundstein die erste Bedingung zu schwebenden Pfeilern sei. Man brauche ihn nicht zu sehen und für das Bild des Ganzen sei er unbeträchtlich.

Und so disputierten sie hin und her, um sich dann wieder auf irgendeinen Scherz des Don Juan hin zu einigen, bis sie die Luncheon-Glocke unterbrach.

Bei diesen Luncheons fand Mariclée vor allem zwei Dinge nach Wunsch: daß man seinen Hut aufbehielt (man zog meist bis gegen Abend damit herum) und daß man sich selbst bediente. Der butler und sein Generalstab erschienen nur zu Anfang, reichten einiges herum und zogen dann wieder ab. Auf den mächtigen Seitentischchen brannten Flämmchen unter den silbernen langstieligen Kasserolen und warfen Reflexe auf die farbigen Teller, das Gold und Silber der Bestecke, die feierlichen Platten, die da warteten. Nichts aber von allen Speisen schien ihr so prächtig zu einem Stilleben geeignet, wie zerlegte grouse. Die Teile schichteten sich mit so satter Kompaktheit auf, der Ton des Fleisches, mit seiner, wie in sich ruhenden Fülle, war so souverän, daß zu ihm gehalten solch alltägliche Dinge wie Indiane oder Fasane jede künstlerische Berechtigung verloren. Es war das Ideal.